Leseprobe – Lasse und Zoe und die Zaubertannen

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Der Zauberwald

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Lasse und Zoe wohnen in einer scheinbar harmlosen Wohnsiedlung im Erzgebirge. Doch ist die Gegend um die Wohnsiedlung wirklich so harmlos? Denn was Lasse noch nicht weiß, hinter dem Rodelberg gibt es einen Wald, der so manche Überraschung zu bieten hat und Lasse völlig in seinen Bann ziehen wird.

Wohnsiedlung KopieDoch zunächst lebt hier im Erzgebirge erst einmal eine ganz normale Familie in einem Haus mit vier anderen Familien. Die Familie Lindberg. Vater Peter, Mutter Sabine, zudem drei Kinder: die fünfzehnjährige Melissa, der siebenjährige Lasse sowie die vierjährige Zoe.

Melissa ist eine kleine Zicke, wie viele Mädchen in ihrem Alter. Wunderhübsche braune Augen schauen aus dem Gesicht. Beträchtlich langes, dickes Haar ist der Schmuck einer jeder jungen Lady, mit dem sie beeindrucken kann. Und obwohl sie die Mitmenschen um ihre Finger wickeln kann, ärgert sie am liebsten Lasse.

Lasse KopieIhr Bruder besitzt ein niedliches Gesichtchen mit braunen Augen. Er trägt kurz geschnittenes dunkelblondes Haar. Für seine sieben Jahre ist Lasse sichtbar etwas größer als andere Jungen in seinem Alter. Er ist ein glücklicher Junge, der die Natur liebt.

Mit seinem besten Freund Söhren spielt er am liebsten draußen im Freien.

Zoe KopieZoe ist vier Jahre alt und wird Engelchen genannt. Sie ist ein sonderlich gutherziges Mädchen. Ihr dunkelblondes, gewelltes Haar fällt auf ihre Schultern. Alle drei Kinder ähneln sich sehr.

Melissa besucht die neunte Klasse einer Oberschule. Lasse geht mit Söhren in die zweite Klasse der Grundschule. Und die kleine Zoe wird jeden Morgen von der Mutter zum Kindergarten gebracht.

Die Mutter arbeitet derzeit nicht. Drei Kinder zu versorgen und den ganzen Haushalt zu erledigen – das ist Arbeit genug. Der Vater ist als Zimmermannmeister in einer Firma angestellt.

Rundum eine fröhliche Familie, die sich prima verstehen.

Ach ja, Oma sowie Opa Lindberg gibt es auch noch. Sie wohnen außerhalb der Siedlung.

Zurzeit umschließt eine herrliche Winterlandschaft das ganze Erzgebirge. Traumhafte Berge leuchten aus der Ferne. Sie laden zum Rodeln und Skifahren ein.

Wie jeden Morgen ist bei den Lindbergs am Frühstückstisch viel los. Heute jedoch haben sie verschlafen.

Mit regem Geplapper wird das Frühstück eingenommen. Melissa muss unbedingt mit ihrer Freundin immerzu Nachrichten versenden, obwohl sie schon spät dran ist.

Mama Lindberg wird ungeduldig: »Nun lass das verdammte Handy mal liegen! Iss endlich! Es wird Zeit für die Schule! Packt die Schulbrote in Eure Schultaschen. Hier, für jeden von Euch zwei Euro für einen Kakao. Nun beeilt Euch.«

»Ja ja, okay-dokay Mama. Aber das ist so wichtig«, verteidigt sich Melissa.

»Wichtig? Was ist so wichtig? Ihr seht Euch doch gleich. Fräulein, das Telefon bleibt auf dem Tisch. Du weißt, die sind im Unterricht verboten!«

Die Mutter zieht ein strenges Gesicht, wenn sie schimpft, aber eigentlich sieht das total ulkig aus, sodass die Kinder lachen müssen.

»Ihr Lausebande!«, raunt die Mutter und versucht ein Lächeln zu unterdrücken.

»Ach Mama«, sagt Lasse mit grinsender Miene. »Das streng sein musst Du wohl noch ein bisschen üben.«

»Ja, wirklich«, bestätigt Melissa. Trotzdem etwas beleidigt, legt Melissa ihr Handy auf den Küchentisch, packt die Brotdose ein und wartet auf Lasse, der etwas trödelt.

»Los, ziehe Deine Jacke an, sonst kommen wir noch zu spät!«, herrscht Melissa ihren Bruder an.

»Immer langsam mit den alten Pferden. Wer wohl die Trödeltante ist?« Lasse sieht es gemächlich.

Mutter Sabine bringt die kleine Zoe in den Kindergarten und Lasse und Melissa begeben sich auf den Weg zur Schule.Created with GIMP

SchuleMeist fahren sie mit dem Schulbus, manchmal mit dem Rad zur Schule.

Melissa hänselt ihren Bruder, da sie ihr Handy nicht mitnehmen darf. Er kennt längst die doofen Sprüche seiner Schwester, und so ignoriert er diese.

Unterwegs trifft er seinen Freund Söhren. »Hallo Söhren, hast Du heute Nachmittag Lust, mit mir Rodeln zu gehen?«

»Ach, ich würde so gerne mit kommen. Leider kann ich nicht. Du weißt doch, wir schreiben morgen die Mathearbeit, da ist üben angesagt.«

»So ein Mist. Na, dann gehe ich alleine.«

Geschwind ist der Schultag vorbei. Alle Schüler gehen nach Hause.

Lasse braucht heute keine Hausaufgaben zu erledigen. Melissa hingegen hat jede Menge auf und Zoe freut sich auf ihre Freundin Lara.

Nach dem Mittagessen schleppt Lasse den Schlitten aus dem Keller. Freudig rutscht er auf der vereisten Straße entlang und zieht seinen Schlitten hinter sich her. Nach wenigen Minuten erreicht er den Büffelberg, der kurz BB genannt wird. Aus der Ferne hört er unbeschwertes Kinderlachen. Den BB kennt Lasse bis jetzt nur als Rodelberg oder zum Ski fahren.

Lasse trifft einige Mitschüler aus seiner Klasse. Er schließt sich ihnen für eine Weile an. Strahlend sausen sie die Piste hinunter. Immer und immer wieder. In diesen Moment fängt es auch noch an zu schneien.

Die Kinder rodeln, rutschen, bauen einen Schneemann.

Letztendlich entsteht eine bombige Schneeballschlacht, die extrem Spaß macht.

Nach ungefähr einer Stunde bleibt Lasse stehen und schaut sich den Berg genauer an. Noch nie ist jemand auf die andere Seite des BB gegangen, denkt er. Einer Sage zufolge, soll es dort verbotene und geheimnisvolle Dinge geben.

Doch die Neugier drängt ihn, auf die gegenüberliegende Seite zu gehen. »Da steht nur ein Verbotsschild«, murmelt er leise. »Soll ich es einfach wagen, hinunter bis ins Tal zu rodeln? Warum nicht?«

Links sowie rechts stehen viele Bäume. Der Weg ist mit Huckeln, Löchern und Baumstümpfen versehen. Kurz gesagt, sieht man, dass hier noch nie ein Mensch zuvor mit Ski oder sonstigem ins Tal geschlittert ist.

Leicht ängstlich beginnt Lasse den Schlitten in Gang zu setzen.

»O, o, nein, halte Dich fest! Vorsichtig Lasse Lindberg!«, sagt er zu sich selbst. »Okay-dokay, weiter geht´s!«

Mit seinen Füßen steuert er den Schlitten. Als er ungefähr die Mitte erreicht, erblickt er etwas Verschwommenes. »Was ist das denn? Nebel? Schleier?«

Berg-Schlitten-Grau KopieEr beäugelt die fast undurchsichtige Mauer. Sie blinkt, funkelt, leuchtet. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Er stoppt den Schlitten, indem er seine Hacken tief in den Schnee stemmt, macht eine Drehung und zack, liegt er im Schnee. Lachend steht er wieder auf. Er betastet mit seinen Händen den Nebel, ob er irgendetwas spüren kann, aber nichts ist zu sehen oder zu fühlen.

Langsam fährt er weiter. Es fühlt sich an, als würde er von irgendetwas angezogen werden, als ruft ihn jemand.

Fest umklammert er den Schlitten mit den Händen und rutscht vorsichtig in diese komische Mauer hinein.

Plötzlich dreht sich der Holzschlitten wie verrückt im Kreis. Wie ein Wirbelwind wird Lasse durch die Luft geschleudert ohne sich wehren zu können. In der Tat, er fliegt.

»WOW, das ist so cool. Das macht Spaß. Wie eine Hexe fliege ich über den Wolken. Nur ohne Besen. Juch-hu!«Schlitten fliegt

Nach einer Weile setzt er zum Landemanöver an. Die Mauer lässt er hinter sich. Sanft landet er in einen schneebedeckten Wald.

Wo ist er?

   Wisst Ihr es?

       Nein?

 

Eine Art Eistunnel ist sichtbar. Dort steht ein Schild, auf dem geschrieben steht: »Betreten des Tunnels auf eigene Gefahr! Nichts für Angsthasen oder Feiglinge. Gruselst Du Dich? Oder traust Du Dich?« Lasse wäre es jetzt lieber, auf dem Schild würde etwas ganz anderes stehen.

9-u-10-Höle Kopie»Gehe ich da jetzt durch oder nicht? Lasse, Du bist doch kein Angsthase oder Feigling? Na, ich bin gespannt, was mich da erwartet.«

Wagemutig und hoch erhobenem Hauptes durchquert der Knabe den Tunnel.

»Weder dunkel noch unheimlich ist es hier drinnen. Eher beruhigend, leise und angenehm warm«, denkt er. Am anderen Ende verlässt er den Tunnel.

Er lässt den Schlitten stehen und befestigt das Band an einem Baumstamm.baumstumpf Kopie

»So weiß ich, wo der Weg wieder zurückführt«, grummelt er vor sich hin. Lasse glaubt nicht, was es da zu sehen gibt.

Schnee, überall Schnee. So leicht wie Puderzucker, weich wie Watte. Tannen über Tannen. Sie sind überdimensional, nein affengeil, gigantisch, megabombastisch groß.

Auch kleine Bäume wachsen hier. Baumkinder, unzählige winzige Baumkinder.

»Das gibt es nicht. Nie und nimmer! Träume ich? Nein, das ist alles echt!«

Kälte empfindet er nicht. Er zieht sich Jacke, Mütze und Schal aus und legt die Sachen einfach am Wegesrand ab. So hat er wieder etwas, woran er sich orientieren kann, für den Rückweg, denkt er sich. Er ist so unsagbar überwältigt, dass er sich in den Schnee setzt und den Pilz, der ein Gesicht und eine Tür besitzt, anstarrt.

»Es ist großartig, einfach zauberhaft, so genial«, denkt er. Er greift sich den weichen Schnee und wirft ihn hoch in die Luft. Dabei ruft er laut: »Juchhee juchhei, ist das ein geiler Schnee!«

Freudig wälzt er sich auf dem Boden, verziert ihn mit Schnee Engel. Sobald er aufsteht, fällt das weiße Zeug, ohne es abzuwischen, von seinem Pulli herunter. Es ist überhaupt nicht nass oder klebrig.

Vögel stimmen einen munteren Gesang an. Kein Gezwitscher, nein, sie singen im wahrsten Sinne des Wortes mega-krasse Lieder und fliegen dabei fröhlich hin und her. Lasse traut seinen Augen und Ohren kaum.

Es sind bunte goldige gigantische fliegende Objekte. Fast wie Ufos. Lasse kennt Meisen, Spatzen sowie andere Vögel. Aber solche? Das ist ja wie im Märchen. Blaue, rote, ach in allen Farben, mit zauberhaften Köpfen, dazu einen goldenen Schnabel. Silberne Schwanzfedern wedeln unvorstellbar in die Luft.

Auch Blumen, soweit das Auge reicht.

Blume-große-bunte-cmyk KopieFantastische kunterbunte lange Stiele mit paradiesischen Blüten.

Lasse ist sprachlos. Die Blüten summen friedvoll zu der Melodie der Vögel. Rhythmisch wippen sie im Takt.

Man sieht, wie sich der Mund der Blume dabei öffnet, die Augen strahlen herrlich dazu. Die Nasen biegen sich von links nach rechts. Zudem können sie singen und sprechen.

»Blumen mit Gesichtern, das muss man gesehen haben! Aber pflücken kann man sie nicht. Sie sind viel zu groß und zu schwer«, flüstert Lasse begeistert vor sich hin. Er denkt, er könnte sich zwischen den liebenswerten Blüten hinlegen, um zu schlafen oder Verstecken zu spielen.

Leise hört er Wasser aus der Ferne, aber anders als das Rauschen eines Baches, so wie er es kennt. Das Geräusch ist wohltuend, friedlich, einfach fabelhaft mit beruhigender Wirkung.

»Wo bin ich nur? Lebe ich noch?«, fragt er sich. Keine Menschenseele ist zu sehen. Die Äste der Bäume wippen hin und her, obwohl es windstill ist.

Pilze wachsen überall. Sie sind einzigartig, gigantisch. Wesentlich größer als Lasse selbst. Braune, rote, weiß gepunktete, gestreifte, praktisch überdimensional atemberaubende Pilze. Ihre Köpfe können zum Schutz vor Regen dienen, denkt er sich, wie Regenschirme.

So etwas hat er bisher noch nie gesehen. Keiner würde es ihm glauben, wenn er das zuhause erzählt.

Jetzt guckt er hoch bis in die Baumkronen. »Nein!«, ruft er, »das glaub ich jetzt wirklich nicht!«

Die Kastanienbäume, Tannen, Fichten …, alle besitzen sie Gesichter, niedliche Gesichter. Gelbe Augen, schwarze Nasen, der Mund ist blau. Ohren so gewaltig, wie der Teller von dem er isst. Diese wackeln, und das sieht so was von ulkig aus.

Seine Angst ist nun völlig verschwunden. Lasse fängt an zu rufen: »Hallo, ist hier jemand?« Keine Antwort.

So ruft er lauter!

Plötzlich hört er einen Baum sprechen.

»Servus mein Junge. Komm doch näher heran, damit ich Dich sehen kann!« Lasse tritt näher.

»Ach, Lasse, da bist Du ja. Wir warten schon viele Jahre auf Dich.«

»Ähm, auf mich gewartet? Warum denn? Und wer bist Du?«

»Du bist der erste Mensch im Zauberwald. Bisher hatte keine einzige Person den Mut gehabt, hier herzukommen. Aber jetzt hast Du uns endlich gefunden.«

»Zauberwald?«, fragt Lasse.

»Schaue Dich um, hast Du je gesehen, dass Tannen sprechen können? Pilze, dessen Köpfe so pfundig aussehen, wie Melonen? Singende Blumen? Warmer Schnee?«

»Nein, habe ich nicht.«

»Siehst Du, so etwas gibt es nur im Zauberwald. Du bist ein mutiges Menschenkind, das sich hierher traut. Zufall ist das jedoch nicht. Wir haben Dich gerufen, nur hast Du es in keinerlei Hinsicht bewusst bemerkt. Auch Deine Schwester Zoe besitzt diese besondere Zauberkraft. Das ist angeboren.«

»Ja, ich hatte, man könnte sagen, das Gefühl irgendwie angezogen zu werden. Nur warum?«, fragt Lasse die Tanne, jedoch ohne eine Antwort abzuwarten: »Ähm, es ist jetzt 15:00 Uhr, ich muss jetzt aber zurück. Meine Eltern sind besorgt, gewiss suchen sie nach mir.«

»Langsam mein Freund. Wir sind erfüllt mit Zauberkraft. Zeit kennen wir hier nicht. Vielmehr können wir sie anhalten. Wenn Du wieder nach Hause gehst, wird es dieselbe Zeit sein, an der Du gegangen bist.«

Lasse macht ein erstauntest Gesicht, der Baum erzählt weiter: »Du bist auserwählt. Wir brauchen Deine Hilfe. Wir selbst können den Zauberwald nicht alleine verlassen. Du musst für uns eine einzige Tanne mit Deinem Schlitten auf Eure Seite bringen. Dann gräbst Du sie auf einem Berg oder einer Wiese ein, damit sie wachsen kann. Schaffst Du es, erhältst Du Zauberkräfte.«

Lasse staunt nur so darüber, während der Baum weiter berichtet: »Mit der Zauberkraft kannst Du unzähligen Menschen helfen. Ebenso der Natur. Aber Du musst Eines beachten. Sobald sich Deine Zauberkräfte entfalten, verrate in keinerlei Hinsicht anderen von unserem Wald. Habgierige menschliche Artgenossen könnten uns Unrechtes zufügen. Nur Zoe und Deine Eltern dürfen es erfahren und bringe Zoe das nächste Mal mit.«

»Wie meinst Du das, ich bin auserwählt?«

»Alle tausend Jahre werden ein Junge und ein Mädchen geboren, die tief im Inneren Zauberkräfte besitzen. Immer wenn ein Kind am zehnten Oktober geboren wird, und das andere Kind am fünften Mai, sind es besondere Kinder. Wann hast Du Geburtstag?«

Lasse schluckt, sagt leise: »Ja, am zehnten Oktober werde ich acht Jahre alt. Zoe hat am fünften Mai Geburtstag.«

»Dann seid Ihr beide auserwählt. Bitte stelle uns bald Deine Schwester Zoe vor.«

»Angenommen, dass ich hier lebend wieder herauskomme, und wiederkomme, ja okay, ich versuche sie mitzubringen. Aber wie kann ich das schaffen, eine Tanne mitzunehmen, sie eingraben? Es ist Winter und der Boden ist gefroren.«

»Frage unsere Baumkönigin. Sie steht in der Mitte des Waldes. Golden glänzt sie aus der Ferne. Sie wird Dir alles erklären. Habe keine Angst, jeder wird Dich willkommen heißen, Dir zur Seite stehen, und jetzt gehe! Bleibe auf dem Weg, laufe nur geradeaus, folge der Musik der Zauberblumen!«

»Ich darf nicht abbiegen, ja? Aber wie heißt Du denn? Ich wüsste gerne Deinen Namen. Und auch den Namen der Königin.«

»Was für eine Frage? Die Königin wird Meisterin der Zauberei genannt. Habe die Ehre, mein Name lautet Bobo die Zauberbuche.«

»Okay Bobo, dann will ich jetzt des Weges wandern. Bis später.«

Lasse befolgt die Anweisungen der Buche und läuft in Richtung Waldesmitte.

»Man, habe ich ein Mordshunger, und Durst. Ob die prächtigen Pilze wohl roh schmecken?«

Vorsichtig nähert er sich einem edel riechenden Pilz und versucht etwas davon abzubrechen.

Lasse-Pilz Kopie»Na, wirst Du wohl die Finger von mir lassen!«, sagt der Pilz.

Erschrocken weicht Lasse zurück.

»Oh, Verzeihung, aber ich bin hungrig und durstig.«

»Laufe zur Königin, sie wird Dich versorgen mit allem, was Du Dir erträumst. Doch breche niemals etwas von mir ab, das tut mir weh. Zudem fehlt dann ein Stück von mir.«

»Schon gut, Entschuldigung.«

Flink zieht er weiter.

Auf dem Weg zur Baumkönigin sieht er am Wegesrand Hasen entlanghoppeln. Sie flitzen von der einen Seite zur anderen. Sogar rote, grüne und pinke Hasen erblickt er. Sie sind viel größer als die bekannten Meister Lampe. In dieser Situation, in der er nun steckt, wundert ihn aber nichts mehr.

Endlich entdeckt er einen Beerenstrauch. Dicke gelbe komische Beeren zieren den Strauch. Lasse nimmt sich eine. Auch sie sind massig wie Fußbälle.

»Mmh, die schmeckt so gut. So saftig außerordentlich fruchtig. Dann brauche ich nichts mehr zu trinken.«

Lasse-ist-Beeren Kopie-4Sobald er ein Stück davon  vernascht hat, ist er satt bis oben hin. Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr. Es ist immer noch 15:00 Uhr. Dunkel wird es hier in keinerlei Hinsicht, stellt er fest. Was seine Familie jetzt wohl macht? Er vermisst seine Familie, trotzdem geht weiter.

Weitere Tiere ziehen an ihm vorbei. Zum Knuddeln diese Erdmännchen. Doch er hat keine Zeit dafür, er muss zur Baumkönigin.

Orange Frösche flöten fröhlich. Blaue Igel, die Lasse bis zur Schulter reichen. Die Stacheln sind so lang wie Lanzen. »Einfach krass!«, denkt er. Aber sie sind nett und freundlich. Lasse hat keine Angst, nicht mal eine Spur.

Endlich sieht er eine goldene Tanne, die bis in den Himmel ragt.

»Man ist die eine Wucht! Sie glänzt so herrlich«, murmelt er.

Von vorne sieht sie wie ein Haus aus mit einem wunderschönen Gesicht.

Zaubertanne-golden KopieLasse stellt sich direkt vor der Königin und sagt höflich: »Sei gegrüßt Königin der Zauberkraft. Da bin ich. Lasse ist mein Name. Ihr habt auf mich gewartet?«

»In der Tat Lasse. Ich öffne jetzt eine Tür. Trete bitte ein.«

Vor den Augen des Jungen rollt eine breite Tür zur Seite, die laut quietscht. Neugierig begibt er sich ins Innere der Tanne.

»Das ist ja wie in einem Palast! Die Wände und Decken bestehen aus purem Gold. Hier ist es eingerichtet wie in einem Schloss.«

»Komme zu mir, steige die Treppe hinauf, dann können wir uns unterhalten.«

Lasse steigt Stufe für Stufe, betrachtet die Wände, an denen Bilder von anderen goldenen Tannen hängen.

»Das ist die Ahnentafel der Zaubertannen. Über zehntausend Jahre alte Verwandte.«

»Das ist ja ein dicker Hund«, flüstert Lasse. Oben angekommen dreht die Königin ihr Gesicht nach innen.

»Waha, wie machst Du das?«

»Na ja, eben Zauberei? Setz Dich dort hin auf das Sofa und höre mir zu.«

Lasse nimmt auf dem wohligen, weichen Sofa Platz.

»Hast Du Hunger?«, fragt sie.

»Ein wenig, ich habe von der Beere genascht. Aber eine Käsepizza und heiße Milch kann ich noch problemlos vertragen. Dann ist noch Platz für Eiscreme und Pudding.«

Kleine grüne Tannen, die Dienstboten der Hoheit, bringen Lasses Herzenswünsche. Lasse beobachtet wie sie laufen. »Tannen die laufen können«, sagt er staunend.

Nachdem er ordentlich zugeschlagen hat, widmet er sich der Königin.

»Ich danke für das leckere Essen. Welche Aufgabe soll ich lösen?«

»Meine Untertanen, die am Anfang des Waldes leben, haben Dir erklärt, dass Du eine unserer Tannen auf einem Berg oder einer Wiese in Deiner Menschenwelt eingraben sollst. In Dir und Zoe stecken sagenhafte Zauberkräfte. Du bist auserkoren, um Gutes auf Erden zu erfüllen. Ebenso Deine Schwester. Du brauchst nur an einer der Tannen zu riechen. Wünsche Dir dabei etwas, oder spreche es laut aus und es wird geschehen.«

Lasse reißt die Augen auf, während die Tanne fortfährt: »Dafür brauchst Du eine Tanne in der Menschenwelt, an der Du und Zoe riechen können. Eure Zauberkräfte entfalten sich eines Tages überdimensional. Beschützt damit die Schwachen und Armen unter Euch, benutzt niemals die Kräfte für unnütze Dinge.«

»Aber wenn die Tannen laufen können, warum soll ich dann eine aus dem Wald schleppen?«

»Sobald wir im Menschenreich sind, können wir nur unsere Zauberkraft weitergeben, selbst zaubern können wir dort nicht. Wir müssen, wie alle anderen Bäume, eingepflanzt werden.«

»Ach so«, sagt er. »Und ich kann mir alles wünschen?«

»Nicht alles. Du kannst begrenzt heilen, Tote nicht zum Leben erwecken, Liebe kannst Du nicht erzwingen, und keine Glücksspiele gewinnen.«

»Ach, Du meinst, ich kann meinen Eltern nicht zu einem Lottogewinn verhelfen?«

»Ja, so ist es. Überlege genau, was richtig für Deine Familie ist.«

»Hm, das weiß ich noch nicht. Wir leben in einer großen Wohnung, jeder hat sein eigenes Zimmer. Aber nicht alle Wünsche können meine Eltern bezahlen. Aber ein eigenes Haus wäre schön.«

»Euch geht es sehr gut, hingegen vieler anderer. Muss man unbedingt ein Haus besitzen?«

»Hm, keine Ahnung. So gesehen besitzen wir mehr als wir brauchen, ich verstehe Dich schon. Wenn man ein Dach über den Kopf hat, nicht frieren muss, zu Essen hat und sich viele Dinge kaufen kann, sollen wir das schätzen – glücklich sein, oder? Meinst Du das?«

»So ist es mein kleiner Lasse. Es wird nun Zeit, für Dich zu schlafen.«

Im diesem Moment denkt er an seine Eltern. Ob sie ihn vermissen? Die Königin zieht einen Vorhang beiseite: »Siehe mein Junge, was Deine Familie in diesen Augenblick unternimmt.«

Lasse schaut durch ein Fenster, indem er sieht, dass Melissa ihre Hausaufgaben erledigt, Zoe spielt mit Lara. Mama telefoniert mit Papa. Zu seiner Zufriedenheit ist alles okay. Die Uhr zeigt 15:00 Uhr. Die Zeit ist, wie angekündigt, stehen geblieben.

Die Königin klatscht in die Hände, sofort bringt ein Untertan Lasse einen Schlafanzug. »Lege Dich nun hin mein Kind«, sagt die Königin.

Eine kleine Tanne ist so freundlich und setzt sich eine Zeit lang zu dem Jungen ans Bett, bis er einschläft.

Am nächsten Vormittag steht Lasse auf, wäscht sich und zieht seine Klamotten an. »Total sauber«, staunt er. Am Abend zuvor reinigten die fleißigen Tannen die Kleidung per Gedanken.

»Guten Morgen, Du kleiner Langschläfer, komm frühstücken!«, kommandiert eine Tanne. Der Tisch ist reich gedeckt.

Ob Pfannenkuchen, Rührei, Müsli, Brötchen, Wurst oder Käse, alles was ein Kinderherz begehrt ist aufgetischt.

Lasse läuft den langen Tisch entlang und flüstert: »Alles für mich, ganz allein? Wow, womit fange ich denn an?«

»Hast Du gut geschlafen?«, fragt die Königin.

»Ja Hoheit, ich bin fit für meine Aufgabe.«

»So, dann genieße nun das Mahl.« Lasse isst von allem etwas, bis er satt ist.

»Höre genau zu. Suche Hexi das Schneegespenst. Es wird Dir helfen.«

»Ein richtiges Gespenst? Wo finde ich es?«

»Laufe einfach den gleichen Weg weiter, den Du gekommen bist. Du wirst Hexi in einer Schneehütte antreffen. Es kennt die Anweisung. Euch beiden ist auferlegt, eine Lösung zu finden. Proviant haben die Untertanen für Dich zubereitet. Packe es in den Rucksack. Leichtere Kleidung ist ebenfalls eingepackt. Im Zauberwald ist es nicht kalt.«

letztes Bild-Lasse geht weg

Die Königin schaut ihn mit freundlichen Augen an und fügt schließlich hinzu: »Erledige bitte Deinen Auftrag. Rieche ganz oft an Tannen, so bemerkst Du, dass Du durch Gedanken oder Reden zaubern kannst. Gehe jetzt, und sei ohne Angst.«

Lasse setzt seinen Rucksack auf den Rücken und macht sich auf den Weg.

Wird es Lasse schaffen, mit Hexi eine Tanne ins Reich der Menschenwelt zu bringen?