SEX schwerelos

 

 

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SEX schwerelos 1

180 Seiten, ebook
erschienen Dezember 2018
von Flora Süss

Cecylia reißt es fast das Herz heraus, als Henrik ihr unverschämterweise mitteilt, dass er seinen Urlaub ohne sie antreten wolle. Sie fühlt sich gedemütigt und im Stich gelassen. Was ist nur aus ihrer leidenschaftlichen Liebe zueinander geworden? Seine Berührungen, seine hungrigen Küsse fehlen ihr so sehr.
Und wo will er noch einmal hin? In ein Weltraumhotel? Sie glaubt, sie hätte sich verhört. Es sei das erste Hotel in der Schwerelosigkeit, behauptet er, und schon sehr lange befände es sich im Bau. Die Gäste würden bereits seit Jahren auf Wartelisten stehen, und nun wäre es soweit.
Sie ist zwar am Boden zerstört, aber das kann sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie muss unbedingt mitfliegen! Koste es, was es wolle! Wären sie erst einmal im Urlaub, dann würde sich schon alles wieder fügen.
Doch während der Vorbereitung auf den Flug trifft Cecylia völlig überraschend auf eine Person, die sie längst verschollen glaubte. Jedoch weit gefehlt! Völlig unversehrt steht er nun vor ihr und lässt sie nicht nur rätseln, warum er sie damals so plötzlich verlassen hatte, sondern entlockt ihr mit seiner elektrisierenden Gegenwart immer wieder verbotene Gefühle.

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SEX schwerelos 2

ca 220 Seiten, ebook
erscheint: Februar 2019
von Flora Süss

SEX schwerelos 3

erscheint: Dezember 2019
von Flora Süss

 

Leseprobe zu SEX schwerelos 1:

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TRÄUMEREIEN

 

Cecylia Peters traute ihren Augen kaum. Sie zog die digitale Getränkekarte näher heran. In diesem Restaurant sollte ein Kaffee so viel kosten wie ein komplettes Menü in ihrem Lieblingsrestaurant? War das ein Eingabefehler oder pure Profitgier? Aufmerksam studierte sie die Preise der sonstigen Getränke auf der Karte, bis sie schließlich zum Kleingedruckten in der untersten Zeile kam: Getränkekarte gültig ab 01.11.2025. Sie schaute auf ihre Uhr. Heute war Sonntag, der 05.11.2025. Da die Karte anscheinend erst vor wenigen Tagen aktualisiert worden war, beschloss Cecylia, deren Richtigkeit nicht weiter anzuzweifeln und bestellte sich nur eine kleine Tasse. Henrik Bachmann hingegen, ihr Lebensgefährte, bestellte sich eine extra große.

Fünf Minuten später erschien eine schlanke Roboterfrau. »Bitteschön, Ihr Kaffee«, sagte das anmutige Metallgeschöpf und beugte sich mit geradem Rücken so weit vor, dass es seine wohlproportionierten Brüste in den weiten Ausschnitt drückte.

Cecylia staunte. Von einem Roboter war sie bisher noch nie bedient worden. Und schon gar von solch einem Lustobjekt. Jetzt dämmerte ihr auch, warum nicht nur die Berliner Männer bereit waren, für einen Kaffee in diesem Lokal so tief in die Tasche zu greifen.

»Ich finde, es ist an der Zeit, diesen Planeten endlich einmal zu verlassen«, sagte Henrik unvermittelt. Cecylia stutzte. Sie wusste nicht, wovon er auf einmal sprach. Doch anstatt sie anzuschauen, weil er doch offenbar eine Unterhaltung begonnen hatte, drückte er, ein wenig abwesend, auf seiner neuesten Errungenschaft, einem tragbaren Hologrammprojektor, herum, den alle Welt einfach nur Holo nannte. Naturkatastrophen und Börsenmakler hüpften in holografischer Darstellung über den Bistrotisch.

Er sucht sicher im Internet auch wieder nach Sexspielzeugen, dachte Cecylia. Ach nein, das würde er hier im Café wohl doch nicht tun. In der Öffentlichkeit wäre es ihm zu peinlich, korrigierte sie ihre Gedanken.

Nach einer Weile fuhr er fort: »Aber diesmal musst du die Kosten selbst übernehmen.«

Cecylia tastete nach ihrem Haarband, das ihre blonden Locken im Zaum hielt, als wolle sie nachprüfen, ob es noch da sei. Was war passiert? Hatte sein neuer Sportwagen einen Kratzer abbekommen?

Henrik wandte sich erneut den Nachrichten zu, als würde er noch immer keine Antwort von ihr erwarten. Cecylia sah zu, wie ein holografischer Formel-1-Wagen um Henriks Kaffeetasse sauste und anschließend in der Nähe des Aschenbechers gegen eine Leitplanke prallte. Dann schaute sie auf ihn. Seine schwarzen, gewellten Haare glänzten in der warmen Sonne. Und obwohl er einen langen, schwarzen Anzug trug, hatte er keinerlei Schweißperlen auf der Stirn. Er war nach wie vor der attraktivste und heißeste Mann, dem sie je begegnet war, rief sie sich in Erinnerung. Doch das machte die Situation in diesem Moment auch nicht leichter. Er war so konzentriert bei der Sache, als wäre Cecylia überhaupt nicht anwesend.

Dennoch war sie erleichtert über diese Gedankenpause und wanderte mit ihrem Blick zu den beiden älteren Herren neben ihr. Sie hatten Sonnenhüte auf und bemühten sich, ihre Bestellungen in die digitale Menükarte einzugeben, obwohl sie die reizende Roboterfrau anscheinend nicht aus den Augen lassen wollten. Ihre Blicke klebten förmlich an diesen schmalen Hotpants, High Heels und langen Beinen dieser metallischen Erscheinung.

Es war ein außergewöhnlicher Sonntag, denn es war viel zu warm für diese Jahreszeit, und es war ein Sonntag für weitreichende Entscheidungen. Nur wusste Cecylia davon noch nichts. Sie hätte sich wesentlich wohler gefühlt, wenn sie gewusst hätte, was jetzt gerade in Henriks Kopf vor sich ging.

Nach einem tiefen Atemzug versuchte sie, die Unterhaltung fortzuführen: »Willst du mir nicht sagen, was du vorhast?«

»Ich finde, dass du auch mal einen Kredit aufnehmen kannst. Nie kann man mit dir in Urlaub fliegen, ohne dass man selbst für die Unkosten aufkommen muss.«

Also doch nicht bloß ein Kratzer, dachte Cecylia. Mindestens ein kapitaler Blechschaden an seinem Flitzer.

»Nie? Du hast doch nur den letzten Urlaub auf Necker Island in der Karibik bezahlt«, wies Cecylia die Anschuldigung zurück. »Du hast ihn selbst ausgesucht. Und wir waren uns einig, dass ich dir meinen Anteil für die Reise zurückzahle, wenn du mir eine Hauptrolle in einem Film vermittelst. Es war deine Idee.«

Henrik zog seine schwarzen Augenbrauen nach unten. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines Konzernchefs, der gerade seinen kostspieligsten Angestellten feuern wollte: »Ich kann doch nichts dafür, wenn du dich beim Casting aufführst wie eine neurotische Speikobra!«

Cecylia wollte antworten, aber sie brachte nur ein fast unhörbares »A…« über die Lippen. Ach, daher wehte der Wind! Sie selbst hatte zwar geahnt, dass sie als Schauspielerin untalentiert war; aber warum konnte Henrik ihr das nicht etwas diplomatischer sagen? Sie wünschte, seine Internetverbindung würde auf der Stelle zusammenbrechen.

Ihre Kehle öffnete sich langsam wieder, und sie entgegnete: »Ich habe dir schon oft gesagt, dass ich diese Luxusurlaube gar nicht mag. Mir würde ein normaler Urlaub am Meer wirklich reichen.«

»Oder du fragst endlich mal deine Eltern, ob sie dir schon mal was von deinem Erbe auszahlen.«

»Warum Geld ausgeben, das man noch nicht verdient hat?«

»Wieso? Es steht dir doch zu. Aber da bauen sich deine Eltern lieber einen Allerweltsswimmingpool in ihren Allerweltsgarten, anstatt ihrer Tochter einmal einen ordentlichen Urlaub zu schenken!«

»Wo willst du eigentlich hinfliegen?«

Auf diese Frage bekamen seine stahlblauen Augen auf einmal ein nicht zu übersehendes sexy Funkeln.

»Nach Space Island!«, sagte er, widmete sich dann aber sofort wieder seinem Hologramm; als ob es sonst nichts weiter darüber zu sagen gäbe. Und das Funkeln in seinen Augen war schneller wieder verschwunden, als es gekommen war.

Von diesem Space Island hatte sie auch schon gehört. Das war das Weltraumhotel in der Erdumlaufbahn, an dem schon seit fast zehn Jahren gebaut wurde und dessen Fertigstellung sich immer wieder verzögert hatte. Zwei Milliardäre, ein Amerikaner und ein Russe, hatten sich zusammengetan und ein Unternehmen gegründet, das im Laufe der nächsten Jahre mehrere Hotels in der Erdumlaufbahn und später sogar auf dem Mond bauen wollte, Shuttle-Transfer inklusive.

Und da sollte sie jetzt mitfliegen? Wie bitte? Ihre geliebte Erde verlassen, nur um da oben wie ein Wattebausch durchs All zu schweben? Und dafür auch noch ein Vermögen ausgeben? Von dem Geld konnte man sich gut und gerne eine Luxusvilla in bester Lage leisten. Sie fühlte sich, als würde sie, nur mit einem Regenschirm in der Hand, vom Berliner Fernsehturm springen müssen.

Während ihr tausend Fragen durch den Kopf schossen, redete Henrik mit lässigem Blick weiter: »Wir werden die ersten Touristen in diesem Hotel sein! Die wichtigsten Bauarbeiten sind abgeschlossen, und es ist bereits Platz für sechzig Gäste.«

Über dem Tisch schwebte nun die holografische Darstellung eines von Sonnenkollektoren gerahmten Gebildes.

Henrik fuhr fort: »Die Eröffnung wird von einem riesigen Medienrummel begleitet sein! Samantha, David und Ricardo werden auch fliegen und den Film drehen, in dem du anstelle von Samantha hättest spielen können. Und ich – ich werde die neue Werbekampagne für dieses Hotel leiten. Ich bin da oben unentbehrlich.«

Als Cecylia den Namen Samantha hörte, wurde sie wütend. Samantha Bell … das war die Frau, die mit ihr vor dem Casting in New York ein heuchlerisches Spiel gespielt hatte. Samantha hatte ihr einen falschen Text untergeschoben, sie hatte sich dadurch bis auf die Knochen blamiert, und Samantha hatte sich die Rolle geschnappt.

Henrik erklärte trocken weiter: »Die Liste der Interessenten für diesen Jungfernflug ist endlos lang. Einige besitzen ihre Tickets schon seit vielen Jahren. Wenn du nicht mitfliegen kannst, dann muss ich die Reservierung stornieren; dann bekommt die Tickets eben jemand, der sich diese Reise auch leisten kann.«

Cecylia fühlte, wie sich ihr Brustkorb einschnürte.

»Seit wann planst du diese Reise schon?«

»Lange genug, um zu den Ersten zu gehören, die in dieses Hotel fliegen werden. Aber wirklich sicher ist es erst seit einem Jahr.«

»Seit einem Jahr? Und warum hast du mir dann nicht schon früher davon erzählt?«

»Was hätte das genützt? Ich konnte ja nicht wissen, dass du bei Ricardo eine derart peinliche Show ablieferst. Hättest du dich nicht so unmöglich angestellt, dann hättest du die Rolle bekommen. Und dann hättest du dir diesen Flug auch leisten können!«

»Woher willst du überhaupt wissen, dass der Film ein Erfolg wird?«

»Ricardo Contreras produziert seit mehr als zwanzig Jahren Filme, und jeder war bisher ein Knaller. Aber das nützt uns nun auch nichts mehr.«

Cecylia spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen und drehte den Kopf zur Seite. Die rothaarige Frau neben ihr war mittlerweile etwas tiefer in ihren Korbstuhl gerutscht und aalte sich mit ihrem trägerlosen Shirt in der Sonne. Ein Robotermann in Shorts und freiem Oberkörper brachte ihr einen Eisshake. Cecylia atmete durch und wischte sich über die Augen.

Henrik war bereits wieder ins Internet vertieft, er schien damit geradezu geistig verdrahtet zu sein. Vor fast genau drei Jahren hatte sie sich in diesen Mann verliebt. Und jetzt? Was war geschehen? Warum bedurfte es immer eines so großen Aufwands, damit er zufrieden war? Wie sollte sie seinen hohen Ansprüchen jemals gerecht werden? Am liebsten hätte sie zu ihm gesagt: »Ja, lass uns gleich morgen losfliegen!« Aber noch viel lieber hätte sie von ihm hören wollen, dass er ohne sie dort oben gar nicht mit dabei sein wollte.

Sie wusste, wie exorbitant teuer diese Reise war, die Medien waren ja voll mit Artikeln und Berichten. Aber sie würde das Geld wohl kaum aufbringen können. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf ihrer bisherigen drei Romane kam sie sich zwar nicht gerade mittellos vor, sie konnte durchaus viele Monate auskommen, ohne arbeiten zu müssen; aber im Vergleich zu Henrik fühlte sie sich arm wie eine Kirchenmaus.

»Wie lange habe ich Zeit, darüber nachzudenken?«, versuchte sie, das Gespräch wieder aufzunehmen. Er hob seinen Blick gerade einmal bis zu ihrem Ellbogen.

»Drei Tage, dann muss ich das Geld überweisen.«

»Drei Tage??? Du weißt es seit einem Jahr – und ich muss mich in drei Tagen entscheiden? Warum fliegst du nicht gleich alleine?«

»Jetzt stell dich mal nicht so an«, seine Stimme klang inzwischen herablassend. »Das ist sowieso ’ne Nummer zu groß für dich, Täubchen.«

Cecylia blieb die Luft weg. »Täubchen« hätte ihm jetzt am liebsten den teuersten Kaffee ihres Lebens mit Schwung ins Gesicht geschüttet, um dann wutentbrannt davonzurennen.

Plötzlich begann Henrik neben ihr zu fluchen – seine Internetverbindung war zusammengebrochen, das Hologramm funktionierte nicht mehr. Wütend stieß Henrik das Gerät von sich und fluchte: »Da hat man Hunderte Gigabyte Arbeitsspeicher, aber das Internet hinkt hinterher! Genau wie heute Morgen auf der Autobahn. Was nutzen mir mein Autopilot und das Anti-Kollisions-System, wenn das Fahrzeug hinter mir manuell gesteuert wird und die Fahrerin keine Augen im Kopf hat? Um ein Haar wäre sie mir hinten reingefahren!«

Als hätte sie es geahnt! Ihr unglücklicher Auftritt bei seinem Freund Ricardo war also nicht der einzige Grund für seinen Missmut. Auch sein neuer Sportwagen war irgendwie immer ein Thema und gab ihm in letzter Zeit regelmäßig Anlass zur Unzufriedenheit.

Cecylia überkam ein leiser Anflug Schadenfreude.

 

°°°

 

Nach dem Treffen im Café trennten sich ihre Wege. Henrik fuhr zu seinem Vater ins Büro, Cecylia begab sich auf den Heimweg. Henriks Vater war Chef der Bachmann International, einer international agierenden Werbeagentur. Mit unzähligen nationalen und internationalen Auszeichnungen gehörte sie zu den angesehensten Agenturen der Welt. Henrik konnte sich sicher sein, seinen Vater auch an diesem Sonntagnachmittag im Büro anzutreffen, es war die Zeit, in der er seine geschäftliche Korrespondenz zu erledigen pflegte.

Cecylia hingegen hatte nichts Eiligeres zu tun, als auf dem Heimweg Cayetana, ihre beste Freundin, in Schottland anzurufen. Sie tippte auf das Display ihres Armbands und hörte alsbald ein Klingelzeichen über die winzigen Kopfhörer, die sich in ihren silbernen Ohrringen verbargen.

»Celly-Schatz! Endlich!«, schmetterte ihre Freundin Cayetana freudig durch die Leitung. »Seit über einer Woche habe ich nichts von dir gehört! Jetzt erzähl! Was ist aus deiner Hauptrolle geworden?«

»Hab’ sie nicht bekommen«, erwiderte Cecylia niedergeschlagen.

»Hm, na und? Dann schreibst du eben demnächst dein viertes Buch.«

»Ja, wenn ich nur wüsste, worüber.«

»Oh? Du klingst gar nicht gut. Was ist los mit dir?«

Mit einer Tastenkombination auf ihrem Armband öffnete Cecylia die Tür zu ihrer Penthouse-Wohnung.

»Mein Leben ist im Moment etwas durcheinander.«

»Habt ihr euch gestritten?«

»Naja, nicht direkt.«

»Was dann? Vögelt er seine Sekretärin?«

»Cayeti!? Nein, das nicht. Ich meine, das würde ich doch merken.«

»Oh, glaub das bloß nicht. Sowas geht schneller als man denkt.«

Cecylia hängte ihre Jacke ordentlich auf einen Kleiderbügel, während sie weiter berichtete: »Stell dir vor, wie er mich genannt hat: ›neurotische Speikobra‹.«

»So ein Trampel! Ich sag’s ja immer: Männer sehen entweder gut aus oder sie sind liebevoll! Beides zusammen …«

»Jaja, ich weiß, beides zusammen gibt es auf dieser Welt nicht«, vollendete Cecylia den Satz ihrer Freundin.

»Jetzt verrate mir mal, warum er so etwas sagt.«

»Das weiß ich nicht genau. Ich hätte mich seiner Meinung nach beim Casting danebenbenommen. Du weißt doch, ihm ist immer alles so schnell peinlich. Dabei hat mir meine Mitbewerberin einen falschen Text untergejubelt. Naja, das war dann wirklich peinlich. Und danach haben die mich dort so sehr gepiesackt, dass ich mich irgendwann einfach nicht mehr beherrschen konnte. Ich weiß auch nicht genau, wie es mir herausgerutscht ist, aber ich habe den Regisseur angeschrien, er sei ein pedantisches Riesenarschloch und bin davongelaufen.«

»Wow! Das hast du zu Ricardo Contreras gesagt? Zu dem Contreras? Der schon seit, ich weiß nicht wie viel Jahren, einen Kinoknüller nach dem anderen produziert?«

»Ich weiß, wer er ist, Cayeti!«

»Das gefällt mir. Aber so kenne ich dich ja sonst gar nicht.«

»Zuerst tats richtig gut, aber später hab’ ich’s bereut, weil ich so natürlich die Rolle nicht bekommen habe«, sagte Cecylia und ging durch den Flur in Richtung Küche.

»Ach was, mach dir nichts draus, schließlich kann man sich nicht immer alles gefallen lassen. Und außerdem bist du ja nicht so arm, dass du nun deshalb verhungern müsstest.«

»Nein, das nicht. Aber …«

Cecylia überlegte und ging zum Fenster: »Naja, eigentlich ist es, weil er in diesen blöden Urlaub fliegen will.«

»Urlaub? Na, das ist doch schön. Wo will er denn diesmal hin?«

»Das genau ist ja das Problem.«

»Ach, will er schon wieder in die Karibik, auf dieses affenteure Necker Island? Aber wenn er es doch wieder bezahlt, wie letztes Mal – wo ist dann das Problem?«

Gedankenversunken, mit Blick auf die Dächer von Berlin, antwortete Cecylia: »Nein, diesmal will er den Urlaub nicht bezahlen. Das allein ist aber nicht das Problem. Der Ort ist das Problem.«

»Der Ort? Wo will er denn diesmal hin? Will er sich jetzt eine eigene Insel kaufen?«

»Nein, schlimmer …«

»Noch schlimmer? Wohin will er denn dann? Auf den Mond?«

»Fast«, entgegnete Cecylia immer noch tonlos, bis sie plötzlich zur Seite blickte und erschrak.

»Ach, nein!«, entrüstete sich Cayetana. »Will er etwa in dieses Tausend-Sterne-Schwebehotel für gehbehinderte Millionäre? Das hätte ich mir gleich denken können! Wenn es irgendwo etwas Neues gibt, wo sich Journalisten und Reporter stapeln, dann muss er da natürlich mit auf dem Treppchen stehen!«

Doch Cecylia antwortete nicht. Sie stand da und blickte wie vom Donner gerührt auf die Scherben auf dem Fußboden.

»Bist du noch da?«, fragte Cayetana, auf eine Antwort wartend.

»Ja«, antwortete Cecylia flach. »Es geht schon wieder los …«

»Wirklich?«, fragte Cayetana besorgt. »Aber du schreibst doch im Moment gar nichts, hast du gesagt.«

»Ja, das stimmt. Ich finde es auch seltsam.«

»Und was ist es diesmal?«

»Ein Glas mit Orangensaft.«

»Puh! Das hätte aber auch schlimmer sein können. Warum hat Paula es nicht weggemacht?«

»Ich hab’ keine Ahnung, wo sie steckt.«

Cecylia öffnete den Küchenschrank, holte einen Handfeger und eine Schippe heraus und kehrte die Scherben vom schwarzen Marmorfußboden.

»Ach Cayeti, was soll ich nur machen? Eine ganze Woche will er dort oben bleiben, und ich habe riesige Angst vor so einer Reise!«

»Das hätte ich auch an deiner Stelle! Am besten, du kommst so schnell wie möglich zu mir und wir reden in Ruhe darüber.«

»Ja, das machen wir«, seufzte Cecylia, drückte auf ihr Armband und leerte die Scherben in den Müll.

 

Cecylia ging ins Wohnzimmer und ließ sich erschöpft auf die schwarze Ledercouch fallen. Der Nachmittag mit Henrik im Café hatte sie regelrecht ausgelaugt. Sie ließ ihren Blick über die roten Hochglanzmöbel schweifen. Nach Henriks Anweisung durfte man sie ausschließlich an den Griffen anfassen. Doch wenn Cecylia mit einem neuen Roman beschäftigt war, verfiel sie beim Schreiben regelmäßig in eine Art Trance. Und nur in diesem entrückten Zustand war es ihr möglich, die komplexen Zusammenhänge zu überschauen, die sich über mehrere hundert Seiten erstreckten. Aber dieser Zustand entkräftete sie auch, so sehr, dass sie bisweilen außerstande war, die alltäglichsten Dinge gewissenhaft zu erledigen. Fingerabdrücke waren dabei noch das Harmloseste. Viel empfindlicher reagierte Henrik, wenn Cecylia eine benutzte Kaffeetasse anstatt in die Spülmaschine zurück in den Schrank zu den sauberen Tassen räumte, oder wenn sie Spülmittel statt Dünger ins Gießwasser tat und am nächsten Tag die Zimmerpflanzen ihre Blätter verloren.

Manchmal stellte sie den Kaffee auch neben dem Tisch ab, sodass die Tasse auf dem schwarzen Marmorfußboden landete und in tausend Scherben zerschellte – so wie heute anscheinend auch das Glas Orangensaft in der Küche. Doch dass sie sich daran noch nicht einmal erinnern konnte, das hatte es noch nie gegeben!

Den Streit in der Wohnung konnten Henrik und sie für lange Zeit umgehen, denn bis gestern war es noch Paula, der Putzroboter, der viele von Täubchens kleinen Katastrophen verschwinden ließ, noch bevor es der Täuberich überhaupt bemerkte. Aber wo war Paula jetzt?

Cecylia drückte auf ihr Armband und versuchte, Kontakt mit Paula herzustellen. Mit diesem Armband konnte sie, abgesehen natürlich vom Telefonieren, so gut wie alles in dieser Wohnung steuern: das Fernsehprogramm, die Musikanlage, die Jalousien, die gesamte Beleuchtung, das Badewasser, den Whirlpool, die Wohnungstür samt Sprechanlage, den Swimmingpool auf der Dachterrasse, die Klimaanlage und sogar das Kaminfeuer. Außerdem öffnete sie damit ihr Auto, zahlte an der Kasse im Supermarkt, surfte im Internet und steuerte den Putzroboter – normalerweise. Bis heute. Heute ließ sich kein Kontakt aufbauen.

Cecylia ging in Richtung des Schranks, wo sich Paula regelmäßig mit der Ladestation verband. Paula ging für gewöhnlich zuverlässig jeden Vormittag auf Dienstreise durch das Apartment. Ob sich innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden lediglich drei Staubfussel auf dem glänzenden Marmorboden niedergelassen hatten, oder ob es Glas- oder Porzellanscherben waren: wenn Paula ihre Arbeit verrichtet hatte, strahlte das Apartment vor Sauberkeit und glich eher einem Musterraum in einem Möbelhaus als einem bewohnten Zuhause.

Das hatte sie mit Henrik gemeinsam: die Liebe zur allerneuesten Technik. Aber etwas weniger davon und etwas mehr Verständnis für ihre kleinen Schwächen wären Cecylia an diesem Abend lieber gewesen. Sie vermisste seine liebevolle Art aus der Anfangszeit. Seine Umarmungen, Liebkosungen und zärtlichen Berührungen und diese hungrigen Küsse. Und sie vermisste die abendlichen Unterhaltungen mit ihm. Was hatte sie falsch gemacht, oder besser noch: Wer war schuld an all dem?

Cecylia öffnete die Tür zu Paulas Kammer und sah darin die kleine, menschenähnliche Gestalt. Das Display auf ihrer Brust war dunkel. Das war ungewöhnlich. Cecylia beugte sich nach unten. Auf dem Boden fand sie das Problem. Paula stand zwar vor der Ladestation, hatte sich aber nicht mit ihr verbunden. »Seltsam«, murmelte Cecylia, »aber ohne Strom kannst du natürlich auch keine Signale von dir geben.« Sie schob Paula auf die Station, und das Display erwachte zum Leben. Es begann wie wild zu blinken. Staubsaugerdüse verstopft! war nun zu lesen.

Cecylia begann, die Düsen zu kontrollieren, doch sie konnte keine Verstopfung finden. Sie schraubte die Schläuche auseinander und redete dabei weiter mit Paula, als könnte sie sie verstehen: »Armes Ding! Jeden Tag wuselst du durch diese riesige Wohnung samt Dachterrasse, aber wenn du dir mal was eingefangen hast, dann bist du völlig hilflos.«

Cecylia fand eine Glasscherbe, die sich in der Düse verkantet und die Öffnung verstopft hatte. Sie entfernte die Scherbe, schraubte die Schläuche wieder zusammen, drückte ein paar Mal auf das Display und strich Paula liebevoll über den Kopf. »Wenn doch nur alles so einfach wäre. So, jetzt bist du wiederhergestellt. Ruh dich aus. Morgen geht das ganze wieder von vorne los.«

 

An diesem Abend fand Cecylia keine weiteren Fingerabdrücke oder Scherben in der Wohnung. Sie atmete tief durch und ließ sich im Wohnzimmer wieder auf die Couch sinken. Sie stützte ihren Kopf auf die Hände und massierte ihre Schläfen in sanften Kreisbewegungen. Dabei dachte sie wieder an die Unterhaltung im Café. Urlaub im Weltraum! Henriks Vorstellungen von Urlaub wurden immer verrückter! Nein, die ganze Welt wurde immer verrückter! Hatte sie überhaupt den Mut, in den Weltraum zu fliegen? Es hatte schon so viele Unglücke gegeben! Andererseits musste es etwas Unvergleichliches sein, den Planeten einmal von so weit draußen zu sehen, vor der schwarzen Unendlichkeit des Alls. Und wie es wohl wäre, die Schwerelosigkeit zu erleben? Und gar für eine ganze Woche? Und der Sex erst? Wie es sich wohl anfühlen würde, schwebend die Körper zu vereinen? Ob das überhaupt machbar wäre? Sex schwerelos? Sie strich mit ihren Zehenspitzen geschmeidig über das schwarze Veloursleder und ließ ihre Gedanken davonschweben. Das Leder fühlt sich so weich auf der Haut an, dachte sie und stellte sich vor, wie weich erst der Stoff ihrer Kleider über ihre Haut streichen würde, wenn sie jetzt schwerelos wäre. Ihre Hände glitten langsam über ihre Hose, bis sie den Bund erreichten und den Knopf öffnen konnten. Eine warme Welle durchströmte sie bei dem Gedanken, sich jetzt gleich ihren Vibrator zu greifen … und sich dabei vorzustellen, sie schwebe einfach so im Raum. Sich einfach räkeln und strecken zu können, ohne den Druck der Schwerkraft unter dem Körper zu spüren, müsste ein gigantisches Gefühl sein, vermutete sie. Sie griff in die Schublade des Couchtisches und tastete nach dem Glücksbringer. Er lag jederzeit bereit, alle Geräte lagen dort bereit, auch Henriks. Früher hatten sie gemeinsam Spaß an diesen Dingen, doch in letzter Zeit nicht mehr … Cecylias Lust schwand ein wenig bei diesem Gedanken, doch dann erinnerte sie sich wieder, dass sie eben noch dabei war, sich den Sex in der Schwerelosigkeit vorzustellen. Sie nahm den Vibrator in die Hand und befühlte seine so bekannte Form. Das warme kribbelnde Gefühl schoss in die Lendengegend zurück. Sie räkelte sich behaglich und strich mit ihrer linken Hand den Bauch hinunter, bis sie die feuchte warme Stelle erreichte, an die sie gleich das wohlgeformte Teil führen würde. Die rechte Hand streichelte abwechselnd ihre Brüste und ihren Bauch. Eine weitere Welle des Wohlbehagens durchströmte sie. Verheißungsvoll streichelte sie mit der kühlen Oberfläche des Stabes die feuchte Stelle, doch das ließ ihre Lust wieder schwinden und an Henrik denken. Was würde sie drum geben, wenn er jetzt hier wäre und sich wie früher verhalten würde. Wenn sie gemeinsam an die Schwerelosigkeit denken würden und die damit verbundenen Möglichkeiten der Intimität. Cecylias Herz wurde schwer und die Augen feucht. Kleine Tränen rollten die Augenwinkel entlang und tropften auf die Couch. Es half alles nichts, irgendwie musst sie das wieder in Ordnung bringen, wenn sie nur wüsste, wie.

 

Schließlich legte sie den Vibrator zurück in die Schublade, schaltete das Fernsehen ein und holte sich aus der Küche ein Glas Wasser. Dann zappte sie sich durch die Programme und entdeckte eine Sendung: »Den Sternen so nah«.

Zwei Ehepaare saßen in einem Fernsehstudio vor ihren Monitoren und hatten es soeben in die letzte Runde geschafft. Das Publikum klatschte und tobte. Gleich sollten sie die letzte, allesentscheidende Frage beantworten. Das Gewinnerpaar würde zwei Tickets für einen Urlaub im Weltraumhotel Space Island erhalten …


SPORTLICHER WETTKAMPF

Karl Dirs saß auf seinem Stuhl und fühlte sich wie im Rausch. Die Scheinwerfer waren nur auf ihn gerichtet. Seine Frau Lisa saß neben ihm und hielt den braunen Hund auf ihrem Schoß fest im Griff. Er sah sich im Studio um, blickte zuerst zum Moderator, dann zum Publikum. Er konnte sehen, dass die Leute klatschten und mit den Füßen trampelten. Dann verschwommen die Gesichter, und das Studio drehte sich im Kreis. Er hatte gerade die elfte und somit die vorletzte Frage richtig beantwortet. Bei Frage zehn war das gegnerische französische Team in Führung gegangen, und nun hatte er den Gleichstand wiederhergestellt. Dass er es so weit schaffen würde, hätte er in seinen kühnsten Träumen nicht geglaubt. Schon als Kind hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als einmal in den Weltraum zu fliegen. Als er mit elf Jahren ein riesiges Spaceshuttle-Modell zum Selberbauen bekommen hatte, fühlte er sich vom Glück so sehr verwöhnt, dass er glaubte, kein Kind auf der Welt könne an diesem Weihnachtsfest glücklicher sein als er.

Jetzt kam ihm das Glück wieder ganz nahe. Doch wie so oft am heutigen Abend musste er sich erneut eine allesentscheidende Frage stellen: diesmal ging es darum, ob er hier aufhören und sich mit dem suborbitalen Flug in den Weltraum zufriedengeben – oder ob er weitermachen solle: mit der Chance auf zwei Urlaubstickets für Space Island, das neue Weltraumhotel. Wenn er jetzt aufhören würde, dann wären ihm die zwei Tickets für einen Flug mit zwanzigminütiger Schwerelosigkeit sicher. Er malte sich aus, wie das Flugzeug unaufhaltsam bis auf einhundert Kilometer Höhe steigt, während sich der Horizont immer stärker krümmt, und wie sich dann dort oben, nach dem Ausschalten der Triebwerke, die ersehnte Schwerelosigkeit einstellt. Das musste ein phänomenales Gefühl sein! Allein deshalb könnte er jetzt sofort aufstehen, die Tickets in Empfang nehmen, mit seiner Frau nach Hause fahren und den Erfolg feiern. Aber wenn er weiterspielen würde, dann könnte er diesen einmaligen, einwöchigen Urlaub für zwei Personen im neuen Weltraumhotel gewinnen. Allerdings gäbe es dann auch noch eine weniger schöne Variante: sollte ihm das Glück nicht hold sein, würde er mit leeren Taschen nach Hause fahren.

Plötzlich spürte er ein Zerren an seinem linken Ärmel, und Fingernägel streiften sein Handgelenk. Aus seinen Überlegungen gerissen, erkannte er Lisa, seine Frau, die ihn eindringlich ermahnte: »Karl, Karl! Nimm die Tickets für den suborbitalen Flug. Du kannst auch ruhig zweimal fliegen, denn du kannst mein Ticket auch noch haben.«

»Warum das denn?«

»Du hast es doch gehört: Der Hund darf nicht mit! Und ohne unser Baby fliege ich nicht. Das habe ich dir schon oft genug gesagt.«

»Ach ja, richtig«, wiederholte Karl die Worte seiner Frau in langgezogenen Silben: »Der Hund darf nicht mit.« Er hatte großes Verständnis dafür, dass sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund nie Kinder bekommen hatten, und deswegen duldete er diesen Hund sogar in seinem Ehebett.

Der Moderator verwies auf die wenige noch verbleibende Sendezeit und drängte Karl zu einer Entscheidung. Der schaute zuerst in die braunen Augen des Hundes, dann zu dessen lädiertem linkem Ohr, ein Resultat seiner frechen, streitlustigen Natur. Dann blickte er zu seiner Frau, die gerade an ihrem Pullover zupfte. Und zuletzt auf die verbleibende Zeit. Die Sekunden tickten wie ein Countdown, nur schneller. Auf einmal schubste ihn seine Frau von der Seite: »Du wirst doch wohl nicht …?«

Karl schaute sie kurz an und sagte schließlich: »Doch! Ich werde!«

Dann drehte er sich zum Moderator und sagte mit entschlossener Stimme: »Ich nehme die Frage zwölf.«

Das Publikum tobte. Seine Frau sah weg, zunächst auf den Fußboden; dann richtete sie ihren Blick auf den Hund und sagte: »Fanny-Baby, mach dir keine Sorgen, Mami lässt dich nicht allein. Dann muss Papa eben ohne uns fliegen.«

 

°°°

 

Cecylia nahm das Veloursleder der Couch unter ihren Handflächen wieder wahr. Sie schaute zur gläsernen Wohnzimmertür. Im Flur war es dunkel. Sie war immer noch allein. In diesem Studio müsste sie jetzt sitzen, dachte sie, und die zwei Tickets gewinnen. Dann wären ihre Probleme auf einen Schlag gelöst. Allerdings hätte sie die elfte Frage nicht beantworten können, wie sie sich eingestehen musste. Sie raunte vor sich hin: »›Wie hieß der jüngste Bruder von Juri Gagarin?‹ – Wer denkt sich solche Fragen aus?«

Sie stand auf und holte ihr Netbook aus ihrem Arbeitszimmer. Zurück auf der Couch, suchte sie im Internet nach »Space Island«. Die Website startete mit einem Intro, das man auch hätte überspringen können. Aber Cecylia war von der brillanten Bild- und Tonqualität dieses Teasers fasziniert. Eine charmante weibliche Stimme lud zum außergewöhnlichen Urlaub im Weltraumhotel Space Island ein. Der Reiseveranstalter, Johnson Space, beteuerte, dass alles getan werde, um den Urlaubern einen sicheren und unvergesslichen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit zu ermöglichen.

Cecylia sah das gleiche riesige, von Sonnenkollektoren gerahmte Gebilde, das sie bereits bei Henrik im Café gesehen hatte. Und dann tauchte darunter ganz langsam der blaue Planet in seiner vollkommenen Schönheit auf. Cecylia ergriff ein eigenartiges Herzrasen, verbunden mit einer intensiven Gänsehaut. Sie schaute auf ihre Unterarme: Alle Härchen hatten sich aufgestellt.

Da wurde ihr klar, dass diese Reise im Grunde genommen genau das war, worauf ihr Verlag schon seit Monaten wartete! Von einer Sekunde auf die nächste entbrannte in ihr der Wunsch, eine Geschichte über dieses Weltraumhotel zu schreiben. Aber dazu müsste sie erst einmal dort hochfliegen. Und das hieße, sie müsste zuerst einmal ihre Angst überwinden.

Sie schaute wieder auf dem Bildschirm. Es folgte eine virtuelle Reise um das gesamte schwebende Hotel herum, bis man schließlich über die Andockstelle ins Innere geführt wurde. Es ging durch Gänge und Suiten, an der Rezeption vorbei, und endete mit einem Blick durch die gewaltige Glaskuppel eines Restaurants, von wo aus man wieder zur Erde sehen konnte.

Cecylia war fasziniert von der zauberischen Eleganz dieses gigantischen Projekts. Sie hatte sich dieses Hotel nicht so gemütlich vorgestellt, eher kühl und steril. Aber sogar Pflanzen zierten die Wände, zwar sparsam, aber immerhin. Wieder dachte sie daran, was das für ein berauschendes Gefühl sein musste, durch dieses Hotel zu schweben.

In diesem Moment entflammte ihre Fantasie mit Bildern und Szenen einer neuen, faszinierenden Geschichte. Charaktere wurden geboren und wuchsen in ihrem Kopf innerhalb von Sekunden zu Haupt- und Nebenfiguren heran. Ja, so eine Geschichte würde sie gern schreiben, dachte sie und versuchte sich mehr und mehr davon vorzustellen. Ihre Fans wären begeistert, endlich wieder ein Werk von ihr lesen zu dürfen, dessen war sie sich sicher.

Jedoch schweiften ihre Gedanken immer wieder von der Geschichte ab. In einem weiteren Anflug von sentimentaler Fantasie schwebte sie mit Henrik Hand in Hand durch die Gänge, sich dabei immer wieder liebevoll in die Augen blickend und mit den Händen zärtlich liebkosend. Diese Vorstellung weckte in ihrer Lendengegend ein weiteres Mal ein ihr bekanntes angenehmes Ziehen. Sie strich sich zart über ihren Mund und stellte sich vor, es wären Henriks Finger, die sie da streichelten und weiter sanft über Wangen und Hals glitten. Träumerisch räkelte sie sich auf ihrer Couch. In ihren Gedanken strichen Henriks Hände nun weiter zu ihren Brüsten und kneteten ihre Brustwarzen. Diese erhoben und härteten sich und erwärmten ihren gesamten Körper. Seine Hände strichen weiter nach unten über ihre Hüften bis zum Po und begannen dort gleich mit einer Massage. Sanftes und festeres Kneten wechselte sich ab, bis er sie an ihrer feucht warmen Stelle berührte. Sie stöhnte auf. Gleichzeitig hauchte er warme Küsse auf ihren Hals. Ein prickelnder Schauer durchströmte sie und erhitzte ihre Haut. Zwei Finger drangen in sie ein und entfachten ein vorzügliches Brennen. Mit entrücktem Gesicht stieß ihr Mund spitze Töne aus. Ihre Hüften wölbten sich seinen Fingern entgegen, damit diese noch tiefer eintauchen konnten. Mit kreisenden Hüftbewegungen sehnte sie sich der Erlösung entgegen. Seine Finger tauchten abwechselnd tief ein und zogen sich wieder weit zurück. Der Rhythmus wurde schneller und schneller. Seine Finger erhöhten den Druck auf ihren Punkt in ihr, sodass sie schließlich eine Welle des Entzückens überkam. Ihr Unterleib zersprang in Einzelteile und riss die Welle mit nach oben und unten bis in jede einzelne Zelle. Schwer stöhnend sank sie nieder und drückte die heißen Wangen an das kühle Veloursleder der Couch. Eine ganze Weile lag sie so da und genoss das Nachbeben  … bis sie plötzlich von der Seite geblendet wurde.

Das Licht im Flur war angegangen. Henrik musste nach Hause gekommen sein, denn sie hörte Geräusche, Türklappern und das Klirren von Geschirr. Cecylias Herz hämmerte erneut in ihrer Brust, jedoch diesmal vor Unbehagen. Auf dem Couchtisch lag noch immer das Netbook, der Spot vom Weltraumhotel wiederholte sich in einer Endlosschleife. Sie rappelte sich auf und klappte das Gerät zu. Gleich morgen früh würde Täubchen die Salden ihrer Bankkonten zusammenrechnen, um sich zu vergewissern, dass sie sich die Reise auf jeden Fall leisten konnte. Der Stimme ihrer Angst erteilte sie bis dahin Redeverbot.

 

°°°

Mitten in New York klingelte um 4:30 Uhr das Telefon von Christopher Campbell. Er tastete sich mit der rechten Hand über den Bettrand zum Nachttisch vor, wo er sein Handy liegen hatte, drückte eine Taste und konnte nun frei sprechen. »Hallo«, murmelte er undeutlich. Sein Kopf schmerzte.

»Guten Morgen Herr Campbell, hier spricht Johannes Bachmann, von der Agentur Bachmann International. Ich habe schon viel Gutes von Ihnen gehört.«

Der Mann sprach trotz seines deutschen Akzents ein ausgesprochen gutes Englisch. Christopher rieb sich die Augen und unterdrückte ein Gähnen: »Guten Morgen Herr Bachmann. Ich will nicht unhöflich sein, aber … haben Sie eigentlich mal auf die Uhr geschaut?«

»Jaja, ich weiß, es tut mir sehr leid, dass ich Sie höchstwahrscheinlich aus dem Schlaf gerissen habe, aber es ist sehr dringend! Und hier in Deutschland ist es bereits 9:30 Uhr.«

Der Mann hatte eine kratzige Stimme, und er sprach zum Glück sehr leise, was Christophers schmerzendem Kopf entgegenkam.

»Ja, ist schon gut. Also, worum geht es?«, fragte Christopher und reckte die schweren Glieder. Der gestrige Abend war seit langem mal wieder einer gewesen, den man hinterher gerne rückgängig gemacht hätte.

»Woran arbeiten Sie gerade?«, wollte Herr Bachmann wissen.

Christopher setzte sich mühsam auf, antwortete aber nicht. Er fühlte den kühlen Boden unter seinen nackten Füßen.

»Sie sind doch Fotograf, Mediengestalter und Werbefilmproduzent, nicht wahr?«, hakte Herr Bachmann nach.

»Wenn Sie das alles so genau wissen, warum fragen Sie dann?«

»Ich hätte eventuell einen Auftrag für Sie. Einen sehr großen Auftrag. Und es eilt sehr! Könnten Sie heute um 14:00 Uhr in meinem Büro sein?«

Christopher runzelte die Stirn: »Wie soll das gehen? Von New York nach Deutschland braucht man doch normalerweise fünf Stunden …«

»Nicht, wenn Sie einen suborbitalen Flug nehmen. Der dauert nur eine Stunde.«

»Bislang gibt es suborbitale Flüge nur für Top-Manager und zu abartigen Preisen. Warum sollte ich dieses Risiko auf mich nehmen? Und außerdem benötigt man dafür eine medizinische Freigabe.«

»Die medizinischen Voraussetzungen haben Sie schon längst. Das konnte ich bereits in Erfahrung bringen. Ich werde Sie sehr gut dafür bezahlen, aber ich rede am Telefon nicht gern über Geschäfte. In meinem Büro haben die Wände mit Sicherheit keine Ohren.«

Christopher, der mittlerweile in die Küche gegangen war, nahm sich, während er überlegte, eine Tasse aus dem Schrank und stellte sie unter den Kaffeeautomaten.

Warum war die Welt nur so versessen auf diese suborbitalen Flüge, fragte er sich. Zugegeben, bei interkontinentalen Flügen war damit eine enorme Zeitersparnis zu erreichen, dafür waren aber auch die psychischen und physischen Belastungen wesentlich größer. Immerhin mussten die Flugzeuge eine Höhe von 100 Kilometern erreichen, damit man die Erdrotation ausnutzen und innerhalb einer Stunde den halben Erdball umrunden konnte. Aber ob sich die Menschen dann auch mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben nehmen würden …?

»Herr Campbell, sind Sie noch dran?«

Christopher räusperte sich: »Ja … sicher, ich bin noch hier.«

»Also wenn Sie das Geld nicht brauchen, dann kann ich auch jemand anderen engagieren!« Seine Stimme war jetzt lauter.

»Mit Geld können Sie mich nicht beeindrucken«, entgegnete Christopher und nippte an seinem Kaffee.

»Nicht?«, fragte Herr Bachmann erstaunt. »Was würde Sie denn beeindrucken?«

Christopher schmunzelte in seine Kaffeetasse hinein. Dieser Trick funktionierte doch immer wieder, dachte er.

»Eine neue Herausforderung auf meinem Gebiet«, entgegnete er siegessicher.

»Umso besser, dann sind Sie genau der Richtige für mich. Also, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Entweder Sie sind um 14:00 Uhr hier, oder jemand anderes darf sich über die neue Herausforderung freuen.«

»Okay, okay, ich komme!«, gab sich Christopher geschlagen. »Wie ist die Adresse?«

Herr Bachmann gab Christopher die Anschrift. Christopher wäre lieber auf der Stelle wieder zurück in sein Bett gefallen, doch stattdessen packte er das Allernötigste ein und machte sich auf den Weg nach Deutschland. Ob er in diesem Zustand bei einem suborbitalen Flug mitfliegen durfte, bezweifelte er allerdings. Da half nur eins: viel Joghurt, ein paar Tabletten – und es drauf ankommen lassen!

 

°°°

Ungefähr zeitgleich zu den Ereignissen in New York vibrierte Cecylias Armband in Deutschland. Das Display ihres Armbands zeigte: Anruf von Henrik.

Cecylia befand sich gerade gut gelaunt und voller Zuversicht auf eine lukrative Übereinkunft mit ihrem Verlag im Badezimmer und frisierte sich ihre Haare.

Sie drückte auf das Display und konnte nun über die Kopfhörer in ihren Ohrringen Henriks Stimme hören.

»Guten Morgen«, sagte er trocken, »schon wach?«

»Guten Morgen. Ich habe gerade an unser Gespräch von gestern gedacht«, entgegnete Cecylia fröhlich.

»Und? Bist du durchs Denken reicher geworden?«

Cecylia überkam der Wunsch, gleich wieder aufzulegen. Ursprünglich wollte sie ihn fragen, ob es ihm überhaupt etwas bedeute, wenn sie mitflog. Doch nun entschied sie sich für eine Gegenfrage: »Warum rufst du an?«

»Ich habe dir eine verschlüsselte Datei geschickt.«

»Hab’ ich schon gesehen. Ich kann sie aber nicht öffnen.«

»Genau das ist ja auch der Sinn einer verschlüsselten Datei.«

Danke für die Belehrung, Herr Oberschlau, dachte Cecylia und machte sich auf den Weg in ihr Arbeitszimmer.

»Gut. Und was mache ich nun mit dieser Datei?«

»Es sind wichtige Unterlagen für die Weltraumreise, aber vermutlich brauchst du sie ja sowieso nicht«, sagte er wieder mit diesem herablassenden Unterton.

Wer weiß, vielleicht hatte er heute Morgen die Sitze seines Sportwagens mit Kaffee bekleckert, spekulierte Cecylia. Jedenfalls würde das seine Laune wieder mal erklären. Bei diesem Gedanken musste sie sich doch tatsächlich ein Lächeln unterdrücken.

Sie öffnete ihr Postfach und klickte das Dokument in der Mail an. Ein Passwort wurde verlangt.

»Wie ist das Passwort?«, fragte sie ohne Umschweife.

»Es ist unser Passwort«, entgegnete er, auf einmal recht leise.

Oh? Das gemeinsame Passwort haben wir also noch, meldete sich Cecylias innere Stimme. Aber was haben wir sonst noch gemeinsam?

»Du musst alles ausfüllen und ein paar Arzttermine machen«, fuhr Henrik fort. Sein Tonfall war wieder normal.

»Arzttermine?«, frage sie.

»Ja. Hals-Nasen-Ohren und so weiter. Es sei denn, dein Hausarzt kann das alles allein abdecken.«

»O-kay«, entgegnete sie gedehnt, während sie bereits die Zeilen überflog.

»Ich komme heute Abend nicht nach Hause. Ich werde hier im Büro noch ein paar Statistiken durchgehen.«

»Und wann kommst du nach Hause?«, fragte sie erstaunt. Doch sie bereute ihre Frage sofort.

»Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dir darüber zu unterhalten. Ich verdiene schließlich mein Geld nicht mit Grübeln, sondern mit Handeln. Also …«

»Mir recht«, unterbrach ihn Cecylia, »denn ich habe jetzt auch keine Zeit. Täubchen muss noch ihre Investmentfonds, Aktien, Sparbücher und Konten durchrechnen!«

Am anderen Ende der Leitung wurde es plötzlich still.

»Also dann, bis morgen«, sagte Cecylia abschließend.

»Ja … so … na dann, bis morgen«, erwiderte er und legte auf. Cecylia lächelte zufrieden. Dann studierte sie das Dokument:

 

Sehr geehrte Frau Peters,

 

wir freuen uns, dass Sie sich für eine Reise mit Johnson Space entschieden haben.

Bevor Sie Ihren Weltraumurlaub antreten können, müssen wir durch eine eingehende ärztliche Voruntersuchung sicherstellen, dass Sie die gesundheitlichen Voraussetzungen für einen 7-tägigen Weltraumflug erfüllen.

Mit dieser Mail übermitteln wir Ihnen alle Fragebögen, Einwilligungserklärungen und Informationsblätter, die Sie benötigen.

 

Wir bitten Sie diese Unterlagen zusammen mit Ihrem Hausarzt vollständig durchzulesen und alle Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Ggf. müssen Sie entsprechende Fachärzte hinzuziehen.

Lassen Sie sich von Ihrem Hausarzt ein Attest aushändigen und senden Sie dieses zusammen mit den ausgefüllten Fragebögen und einer elektronischen Unterschrift an uns zurück. Auf Grund Ihrer verspäteten Anmeldung müssen wir Sie vorsorglich darauf hinweisen, dass die vollständigen Unterlagen innerhalb von fünf Tagen bei uns eingegangen sein müssen, andernfalls sehen wir uns leider gezwungen, Ihre Reservierung zu stornieren.

 

Mit freundlichen Grüßen

Johnson Space

 

Da heute bereits Montag war, bedeutete das, dass die Mail bis Mittwoch beantwortet sein musste. Vor Cecylias geistigem Auge rauschten die Ereignisse der vergangenen Stunden im Eiltempo vorbei.

Sie mahnte sich zur Konzentration und vereinbarte einen Termin bei ihrem Hausarzt, Doktor Scholz. Anschließend macht sie sich auf den Weg zu ihrem Verlag.

 

°°°

 

Henrik verbrachte den Vormittag vorwiegend damit, darüber nachzusinnen, wie er seinem Vater möglichst zufällig über den Weg laufen könnte. Er durchquerte gefühlte fünfzig Mal den Flur, an dessen Ende sich das Büro seines Vaters befand, doch dieser schien es heute nicht verlassen zu wollen.

Wenn Henrik nicht gerade geschäftig über den Flur lief, dann ging er in seinem Büro grübelnd hin und her. Er versuchte fieberhaft, zu ergründen, warum ihm sein Vater den Werbeauftrag für das Weltraumhotel nicht geben wollte; schließlich hatte er in der Vergangenheit alle ihm anvertrauten Aufträge zur vollsten Zufriedenheit seiner Kunden ausgeführt. Naja, fast alle. Vor kurzem war ihm eine Kampagne missglückt, die betreffende Firma hatte dadurch ihre marktbeherrschende Position eingebüßt; die negative Publicity war natürlich auch auf die Bachmann International zurückgefallen, was seinem Vater äußerst unangenehm gewesen war. Aber offen darüber gesprochen hatte er mit ihm nie. Henrik stand am Fenster und schaute über die Dächer von Berlin. Mit der einen Hand massierte er seinen Nacken, in der anderen hielt er einen Kugelschreiber und drückte pausenlos auf den Mechanismus. Eine Dunstglocke hatte sich über der Stadt festgesetzt, die Autos fuhren wie verblasste Spielzeugautos langsam durch die Straßen.

Er brauchte diesen Auftrag, so viel stand fest. Seit einem Jahr hatte er sich darauf vorbereitet, und er hatte Ricardo Contreras Glauben gemacht, dass alles bereits in trockenen Tüchern sei. Mit Ricardo hatte er schon viel Zeit verbracht, die beiden hatten sich bereits einen detaillierten Plan gemacht, was sie in diesem Weltraumhotel alles tun würden. Ricardo wollte einen Teil seines Filmes dort oben drehen, und Henrik würde mit Ricardos Hauptdarstellern Szenen für mehrere Werbespots drehen.

Doch das schien nun auf der Kippe zu stehen. Wenn er den Auftrag nicht bekäme, dann hätte er keine Möglichkeit, auf Kosten der Firma in dieses Hotel zu fliegen. Und wenn er auf eigene Kosten fliegen wollte, dann müsste er es Ricardo beichten, damit dieser seine Kontakte zum Manager des Hotels spielen ließ und er auf die Liste der Touristen weit genug nach oben gesetzt würde. Am liebsten natürlich an die erste Stelle!

Doch selbst, wenn er diesen Weg gehen müsste, was er allerdings unbedingt vermeiden wollte: selbst dann wäre immer noch das alles Entscheidende, das Finanzielle, ein Punkt, der ihm reichlich Kopfzerbrechen bereitete. Er müsste nämlich seine geliebte Yacht verkaufen, auf der er fast wöchentlich seine Abende zu verbringen pflegte – und das für einen einmaligen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit, für lediglich eine Woche. Diese Yacht war praktisch sein zweites Zuhause. Lieber würde er das Apartment verkaufen als seine Yacht.

Er musste es Ricardo eingestehen, so viel stand fest. Doch ob er tatsächlich seine Yacht verkaufen würde, dazu konnte er sich jetzt noch nicht durchringen. Ihm würde bestimmt noch etwas anderes einfallen, und er hatte auch schon eine leise Ahnung, was es sein könnte. Er würde heute Abend über diese Idee nachdenken, würde eine Nacht darüber schlafen, und dann würde es Formen annehmen. Danach würde er Ricardo davon erzählen. Und wenn er Ricardo davon überzeugen könnte, dann wäre die Sache schon mal auf einem guten Weg.

 

°°°

 

Doktor Martin Scholz, Cecylias Hausarzt, war mit seiner Praxis umgezogen. Sie befand sich nun in einem alten Sandsteingebäude.

Im Wartezimmer blies der warme Nachmittagswind in die gelben, durchsichtigen Gardinen, die an Stangen vor den Fenstern weit oben unter der hohen gewölbten Decke hingen. Wie ungewöhnlich, dass ein Arzt sich immer noch Gardinen in seine Praxis hängt, dachte Cecylia. Aber Doktor Scholz war im Grunde noch nie mit anderen Ärzten zu vergleichen gewesen.

Cecylia setzte sich in einen Sessel und blickte sich um. Ein paar der Wartenden flüsterten einfach so vor sich hin, ohne erkennbaren Gesprächspartner. Cecylia wusste, dass sie einen Knopf im Ohr haben mussten, ähnlich dem ihren. Diese Art des Telefonierens war in den letzten Jahren zwar schon zum Standard geworden, trotzdem fühlte sich Cecylia oftmals von fremden Personen angesprochen, obwohl sie gar nicht gemeint war.

Darum ignorierte sie das Getuschel und vertiefte sich in die Einrichtung des Wartezimmers. Drei Wände waren in gedämpften Gelb- und Terrakottatönen gehalten, die vierte war die Außenwand eines Aquariums, in dem sich bunte, exotische Fische tummelten. Doktor Scholz hatte es also auch in seiner neuen Praxis wieder geschafft, dass man sich schon gleich im Wartezimmer wohlfühlte.

Zwei Sessel neben Cecylia saß eine ältere Dame in einem grau schillernden Mantel und blinzelte freundlich über ihre Lesebrille hinweg, bis sie schließlich eine Frage an Cecylia richtete: »Steht Ihnen auch eine Grippeimpfung bevor?«

Cecylia schmunzelte. Sie fühlte sich auf einmal recht stolz wegen ihres abenteuerlichen Vorhabens: »Nein. Ich brauche eine medizinische Freigabe für einen Urlaub im Weltraum.«

Die alte Dame winkte ab: »Ach Kindchen, machen Sie sich nichts draus. Mein letzter Urlaub war auch ein Alptraum.«

»Nein, nicht Alptraum. Ich sagte ›Weltraum‹«, berichtigte Cecylia.

Die Dame machte ein fragendes Gesicht: »Ah! Und wo liegt das? In der Südsee?«

Während Cecylia noch zu begreifen versuchte, ob die Dame schwerhörig oder schwer von Begriff war, wurde sie auch schon aufgerufen. Sie schenkte der Dame zum Abschied ein freundliches Lächeln und sprang erleichtert aus ihrem Sessel.

Eine grazile Schwester mit kalten Händen entnahm Cecylia etwas Blut und schickte sie zur Toilette, dann zu den Scan-Untersuchungen und zum Belastungs-EKG. Da alle Ergebnisse unauffällig waren, durfte sie auch noch das EEG über sich ergehen lassen.

Als sie später endlich das Behandlungszimmer betrat, war Doktor Scholz noch nicht anwesend. Eingefangen vom selben harmonischen Farbspiel wie im Wartezimmer, stand Cecylia in der Mitte des Raumes und dachte darüber nach, dass sie sich gewiss wohler fühlen würde, hätten sie und Henrik ihre gemeinsame Wohnung ähnlich eingerichtet.

»Sie wollen also in den Weltraum fliegen?«

Cecylia zuckte zusammen. So schnell hatte sie den Arzt nicht erwartet.

»Setzen Sie sich doch«, bot er ihr an. Da Cecylia selten krank war, hatte sie ihren Hausarzt mindestens zwei Jahre lang nicht mehr gesehen. Er hatte sich verändert. Er trug keinen Bart mehr, was ihn jünger aussehen ließ. Aber an seine braune Haarfarbe konnte sie sich nicht erinnern. Offensichtlich hatte er etwas nachgeholfen, vermutete sie. Er lächelte über das gesamte Gesicht und fragte: »Gefällt ihnen meine neue Praxis? Meine alten Räumlichkeiten in den Brauntönen wirkten viel zu melancholisch. Gelb ist die Farbe der Sonne und wirkt belebend. Deshalb kommen doch meine Patienten schließlich zu mir, damit ich sie belebe.« Cecylia nickte und schmunzelte. Trotz neuer Praxis, neuer Farbtöne und neuer Frisur war er immer noch der alte, einer der es gut mit seinen Patienten meinte. Ein kurzes, freundliches Gespräch betrachtete er als Entree in die Herzen seiner Patienten.

Er setzte sich an den Tisch, und eine Tastatur und ein Bildschirm tauchten geräuschlos aus der Tischplatte empor.

»Also, was kann ich tun, um Sie zu beleben?«

»Lassen sie mich in den Weltraum fliegen.«

»Wozu?«

»Wozu?«

»Ja, wozu?«, wiederholte Doktor Scholz seine Frage und setzte sich eine Lesebrille auf.

»Ich möchte dort Urlaub machen. Sie wissen schon, dieses neue Hotel …«

»Mag sein, dass man das heutzutage Urlaub nennt. Aber hier geht es nicht um einen Urlaub am Roten Meer, sondern um einen Ritt in den Weltraum.«

Sein Lächeln war vollständig verschwunden. Er wirkte wie ausgetauscht. In gleicher Weise, wie sich sein Lächeln vor Sekunden noch über sein gesamtes Gesicht ausgebreitet hatte, so vollständig ernst zeigte es sich jetzt.

»Also gut. Sie sollten für dieses Vorhaben in erster Linie abenteuerlustig sein. Damit meine ich, dass Sie gerne Achterbahn fahren und mehrmals im Jahr Bungeespringen gehen – je höher, desto besser. Ist das so bei Ihnen?« Er saß aufrecht, und seine Schultern wirkten wie eine Mauer, an der man nicht vorbeikam.

»Muss ich das, damit Sie mich mitfliegen lassen?«

»Nein, aber Sie würden sich selbst einen Gefallen damit tun.«

Cecylia griff nach ihrem Haarband, ließ es aber gleich wieder los.

»Also, ich fahre vielleicht nicht wöchentlich Achterbahn, aber mindestens einmal im Jahr. Und Bungee? Ich weiß nicht … Lieber springe ich vom Zehn-Meter-Brett ins Wasser, ohne Gummiseil. Reicht das?«

Vom Zehn-Meter-Brett springen war nicht gelogen, aber Achterbahn war sie vor drei Jahren mit Henrik das erste und letzte Mal gefahren. Sie fand es alles andere als spaßig. Irgendwie überkam sie das Gefühl, dass ihr Arzt Gedanken lesen konnte, oder er sie doch zu gut kannte.

»Bitte machen Sie den Oberkörper frei und legen Sie sich auf die Liege.«

Cecylia schluckte. Doktor Scholz ließ die Liege per Fernsteuerung aus der Wand klappen. Nachdem sie ihre Kleider in der Kabine abgelegt hatte, legte sie sich auf die Liege und starrte an die Decke.

Doktor Scholz trat heran und tastete mit seinen warmen, weichen Händen Bauch, Hals und Schultern ab.

»Ich weiß, Sie joggen sehr viel. Jeden Morgen, um genau zu sein, rennen Sie mindestens fünfzehn Kilometer durch Berlin.«

Richtig, dachte Cecylia, sie hatte ihre Gewohnheiten, seit sie 17 Jahre alt war, nicht geändert. Doktor Scholz sah über die Brillengläser hinweg. Immer noch ohne Lächeln fuhr er fort: »Sie glauben, Sie tun sich etwas Gutes mit dieser vielen Rennerei. Hier auf der Erde mag das stimmen, nur leider geht es bei dieser Reise nicht darum, einen Marathon zu gewinnen. Im Gegenteil, mit zu viel Muskulatur bekommen Sie in der Schwerelosigkeit nämlich Probleme. Dort oben brauchen Sie nämlich keine. Sie könnten Orthostatikprobleme bekommen.«

»Ich bekomme was?«

»Kreislaufregulationsstörungen«, übersetzte er und untersuchte unterdessen Cecylias Haut. »Das führt bei der Rückkehr in die Erdschwere zu Komplikationen. Im Extremfall zur Bewusstlosigkeit wegen Blutmangel im Gehirn …«

Also doch ein Alptraum, dachte Cecylia.

Dann fand er das Muttermal in ihrer Kniekehle.

»Ich habe gelesen«, sagte sie zaghaft, »es gibt dort oben Laufbänder zum Trainieren, damit man die Muskeln nicht verliert.«

Er nahm ein Vergrößerungsglas zur Hand und inspizierte das Muttermal.

Cecylias hoffte unterdessen, er bemerke ihren Puls nicht, der in diesem Moment alles andere als normal war.

»Setzen Sie sich bitte auf«, forderte er.

»Es ist doch nur eine Woche«, sagte Cecylia während sie sich setzte.

Er klopfte ihr in die Seiten: »Tut das weh?«

»Nein.«

Er schaute ihr in die Ohren.

»Bitte jetzt den Mund öffnen.«

Während Cecylia leise »Aaaaah« sagte, erklärte er weiter: »Sie dürfen nicht den kleinsten Schnupfen haben, denn dann lässt sie wirklich niemand mitfliegen. Sie dürfen sich wieder anziehen.«

Cecylia schlüpfte erst in die Kabine, dann in ihre Kleider. Doktor Scholz setzte sich an seinen Schreibtisch und diktierte etwas in seinen Computer. Cecylia konnte es zwar hören, aber sie verstand kein Wort von seinen medizinischen Fachausdrücken. Nachdem sie sich angezogen hatte, setzte sie sich wieder in ihren Sessel.

Doktor Scholz sah sie an: »Ich muss Ihnen recht geben, es ist nur eine Woche. Trotzdem kommt es auf ihre Gesamtverfassung an. Sie müssen ganz einfach die Nerven behalten können, wenn es einmal brenzlig wird. Es sind schon Menschen bei Raumflügen ums Leben gekommen, nur weil Sie in Panik ausgebrochen sind, obwohl sie andernfalls noch eine Chance gehabt hätten.«

Cecylia ließ, ohne es selbst zu bemerken, Schultern und Mundwinkel sinken.

»Auch Blutverdickung und Raumkrankheit sind dort oben an der Tagesordnung. Dafür gibt es zwar spezielle Medikamente, aber die müssen sie auch vertragen. Davon abgesehen ist das nicht Ihr einziges Problem.«

»Nicht?«

»Nun, wie ich sehe, haben Sie die Fragebögen schon ausgefüllt. Nur leider, der Gesetzgeber schreibt es so vor, müssen wir zusammen alle Fragen nochmals durchgehen.«

Doktor Scholz rückte seine Brille zurecht und fragte im Schnelldurchlauf: »Leiden Sie an: Allergien-Blutzucker-Schilddrüsenüberfunktion-Nierensteine-Gelbsucht-Gallensteine-Asthma-Hirnhautentzündung-Epilepsie-Depression-Wahnvorstellungen-Bluthochdruck-Herzinfarkt-Bandscheibenvorfall-Schuppenflechte-Neurodermitis-Thrombose-Blutarmut oder Hörsturz?«

»Nein.«

Cecylia hatte Mühe gehabt, ihm zu folgen. Er klebte diese Krankheiten ohne Punkt und Komma aneinander, als wäre es eine einzige unheilbare Seuche. Nachdem auch Operationen, Unfälle, Krankenhausaufenthalte und zuletzt die Empfängnisverhütung abgeklärt waren, sagte er: »Also, bis jetzt sind Sie noch gesund. Aber glauben Sie auch, dass Sie auch wieder gesund runterkommen?«

Jetzt überschlug sich ihr Herz fast: »Wie meinen Sie das?«

Kein Lächeln, stattdessen Fragen wie bei einem Verhör. Sollte sie lieber doch nicht mitfliegen? Ihr war bereits klar, dass das keine normale Reise werden würde. Aber nach allem, was sie bislang erfahren hatte, klang es eher so, als würden fürchterliche Strapazen auf sie zukommen, bei denen auch noch ihre Gesundheit auf dem Spiel stand.

»Wie ich schon sagte, es ist immerhin ein Flug ins Weltall, kein Strandspaziergang!« antwortete er. So viel stand fest: wenn sie ihm ihre Angst vor dieser Reise eingestehen würde, dann wäre alles aus. Doktor Scholz würde es in die Fragebögen eintragen, und niemand würde sie mitfliegen lassen.

Er sah sie eindringlich an. »Ich weiß noch nicht, ob ich Sie fliegen lassen kann«, sagte er streng. Dann stand er auf, ging um seinen Schreibtisch herum, setzte sich genau vor Cecylia und schaute ihr eindringlich in die Augen: »Frau Peters, ich halte Sie für eine sehr bemerkenswerte Frau. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Sie sind nicht nur hübsch, sondern auch klug. Glauben Sie mir: Das ist es nicht wert!«

Er nahm einen tiefen Atemzug und beugte sich noch ein Stück weiter vor. »Abgesehen von der simplen Tatsache, dass mehrere Shuttles allein schon beim Start explodiert sind, müssen Sie wissen, dass die Beschleunigungskräfte, denen Sie ausgesetzt sein werden, subjektiv Ihr Körpergewicht erhöhen. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ist das noch schlimmer – das fühlt sich an, als wäre der gesamte Körper aus Blei. Aber viel schlimmer ist, dass sich das Gewicht des Blutes in derselben Weise erhöht.«

Nun kam er mit seinem Kopf noch ein Stück näher an den ihren: »Ist das Herz zu schwach, gibt es auf! Und die Fahrt könnte für Sie tödlich enden!«


ECHTE HERAUSFORDERUNGEN

 

Pünktlich um 14:00 Uhr öffnete sich der Fahrstuhl im 14. Stock der Chefetage der Bachmann International und Christopher trat aus dem Fahrstuhl. Er war immer noch ein wenig missmutig, dass man ihn ausgerechnet heute ohne Antwort auf seine Fragen herbestellt hatte, jedoch seine Neugierde überragte und ließ ihn gezielt auf den Sekretariatstisch zugehen. Die Kopfschmerzen waren inzwischen glücklicherweise verschwunden.

»Bitte, hier entlang, Herr Campbell«, sagte eine zierliche junge Frau mit riesigen Kreolen in den Ohren und führte Christopher einen langen Flur entlang in das Büro von Johannes Bachmann. Dieser saß, über seinen Computer gebeugt an seinem Schreibtisch.

Eine freundliche Begrüßung hielt Christopher in diesem Moment für genauso unangemessen, wie aus Höflichkeit die deutsche Sprache zu verwenden. So griff er lieber auf sein Englisch, mit dem nach zwei Jahren angeeigneten New Yorker Akzent, zurück: »So, da bin ich. Ich hoffe, Sie haben es sich gut überlegt, mich so ohne eine nähere Erklärung hierher kommen zu lassen.«

Herr Bachmann blickte auf. Viele Jahre hatte er mit Geschäftspartnern aus aller Welt zu tun gehabt, auch aus Neuengland. Es fiel ihm nicht schwer, auch in englischer Sprache mit ebenso dezent provokantem Unterton zu antworten: »Langsam, langsam, junger Mann. Hatten Sie nicht mehr genügend Zeit, sich angemessen zu kleiden? Ich finde, ein Anzug würde Ihnen besser stehen.«

Dann erhob er sich von seinem Schreibtischstuhl und reichte Christopher die Hand über den Schreibtisch hinweg. Christopher gab ihm notgedrungen die seine und antwortete: »Bislang trete ich nie selbst in meinen Kampagnen auf, also kleide ich mich, wie ich es für angemessen halte. Die Leute wissen meine Arbeit im Allgemeinen zu schätzen und halten es nicht für nötig, meinen Kleidungsstil zu kommentieren.«

»Keine Sorge, ich weiß Ihre Arbeit ebenfalls zu schätzen, deshalb habe ich Sie ja hergebeten. Sagen Sie, Sie haben doch bei der Londoner Agentur für Actionmarketing die Kreativabteilung geleitet, nicht wahr?«

»Ja, das ist richtig.«

»Warum hat man Sie, trotz weiterer geplanter Projekte, von dieser Arbeit freigestellt, wenn ich fragen darf?«

»Das geschah auf meinen eigenen Wunsch. Ich binde mich nicht gerne allzu lang an ein Unternehmen, das schränkt meine Kreativität ein. Die Aufgaben hatten wir zur Zufriedenheit der Chefetage erledigt, und es gab zum damaligen Zeitpunkt keinen Anlass für eine neue Konzeption.«

»Aha. Und, sagen Sie, es ist doch auch richtig, dass Sie vor ein paar Jahren schon mehrfach an Parabelflügen teilgenommen haben, richtig?«

»Ja, beim Militär. Aber was hat das mit Ihrem Auftrag zu tun?«

»Das will ich Ihnen gerne sagen. Ich denke, dass Sie der geeignete Mann für eine Weltraummission sind.«

»Weltraum? Dazu reicht meine Ausbildung beim Militär nicht aus.«

»Das macht nichts. Sie werden genügend Zeit haben, das nachzuholen. Haben Sie schon einmal von Space Island, dem neuen Weltraumhotel, gehört?«

»Ist in allen Zeitungen und nicht zu übersehen.«

»Sie werden als Passagier beim Jungfernflug in das neue Weltraumhotel mit dabei sein, Sie fotografieren und filmen es von innen und von außen, alles was Sie für wichtig halten. Sie werden für die neue Kampagne verantwortlich sein. Und Sie texten natürlich auch die Spots. Die Bauarbeiten sind zwar noch nicht komplett abgeschlossen, aber die Gästeversorgung ist gewährleistet, und zwei Drittel der geplanten Kapazität sind fertig. Wenn Sie mir Ihr Wort geben, dass Sie Ihre letzte Arbeit für das Actionmarketing beim Automobilkonzern toppen, sind wir im Geschäft.«

»Wie lange habe ich Zeit, um meine Entscheidung zu treffen?«

Herr Bachmann erwog, ihm die Antwort ein paar Sekunden lang schuldig zu bleiben. Ohne den Blick von Christophers Augen abzuwenden, stand er auf und kam gemächlich um seinen Schreibtisch herumgelaufen. Auf Augenhöhe sagte er schließlich: »Drei Minuten. So ein Angebot bekommen Sie in ihrem Leben sicher nicht noch ein zweites Mal.«

Christopher hielt seinem Blick stand und sagte nichts. Nach ein paar angespannten Sekunden wandte sich Herr Bachmann ab und sagte im Vorbeigehen: »Ich hole mir einen Kaffee. Wenn ich zurückkomme, sagen Sie mir, ob Sie zusagen oder ich jemand anderen engagieren muss.«

Er stand schon an der Tür, drehte sich aber noch einmal um und fragte mit siegessicherer Miene: »Möchten Sie auch einen?«

»Einen was?«

»Einen Kaffee.«

»Ah, natürlich. Bitte mit Zucker«, entgegnete Christopher, und Herr Bachmann verließ das Büro.

 

Christopher war über alle Maßen überrascht, aber auch fasziniert. Dieses Angebot würde seine Ansprüche an eine neue Herausforderung bei weitem übertreffen. Aber warum fragte man ihn so kurzfristig? Würde er überhaupt Zeit haben, sich angemessen vorzubereiten?

Christopher nutzte die drei Minuten, indem er seine Blicke durch das Büro schweifen ließ. Links von ihm befand sich eine in die Wand eingelassene, Bibliothek aus Mahagoniholz. Die akkurat ausgerichteten Buchrücken verrieten einen Hang zu Ordnung und Geradlinigkeit. Neben einer Vielzahl von Abhandlungen über Markenkommunikation fanden sich auch zahlreiche kunstgeschichtliche Bildbände.

Christopher ließ seinen Blick zu einem mahagonifarbenen Sideboard schweifen, auf dem, gleichfalls in Fluchtlinie, eine ganze Batterie von Bildern, gerahmte Abschlüsse, Diplome und Auszeichnungen standen. Christopher trat näher und studierte die einzelnen Stücke.

Auf dem Bild in der Mitte sah er einen jungen Mann mit schwarz gewellten Haaren und Anzug. Das Foto war beschriftet mit ›Henriks Abschlussball‹. Daneben war das Masterzeugnis desselben Henrik Bachmann aufgestellt, daneben die Promotionsurkunde von Johannes Bachmann.

Christophers Wunsch, diesen Auftrag zu bekommen, wuchs mit der Kraft eines Keimes, der unaufhaltsam durch den Boden in Richtung Sonnenlicht strebt. Er wusste zwar noch nicht im Detail, wie er es anstellen würde, er ahnte aber, dass das, was ihm Herr Bachmann da gerade angeboten hatte, genau die Chance war, auf die er die letzten Jahre gewartet hatte.

»Ah! Sie interessieren sich für meinen Werdegang?« Erschrocken schnellte Christopher herum. Herr Bachmann platzierte den Kaffee auf dem Besprechungstisch.

»Ist das Ihr Sohn?« fragte Christopher und deutete auf das Foto in der Mitte.

»Ja, da war er fünfundzwanzig und hatte gerade seinen Master gemacht.«

»Ich habe diesen Abschluss gar nicht gemacht.«

»Mag sein, dass er diesen Abschluss hat, aber Sie haben die besseren Referenzen.«

»Aber es ist Ihr Sohn!«

»Haben Sie leibliche Kinder?«

»Nein.«

»Dann können Sie meine Entscheidung zu diesem Zeitpunkt auch nicht verstehen. Aber kommen wir zur Sache. Dieses Hotel wird nicht von einer staatlichen Organisation gebaut, es ist ein kommerzielles Unternehmen. Die üblichen Marketingmaßnahmen wie Webseitengestaltung, PR etcetera laufen bereits. Dafür brauche ich Sie nicht. Uns fehlt vielmehr etwas Besonderes, verstehen Sie? Etwas absolut Herausragendes! Vielleicht eine außergewöhnliche Filmsequenz für einen Werbespot, ein phänomenaler Slogan oder so etwas. Der Etat ist zwar nicht unbegrenzt, aber recht groß. Liefern Sie etwas, das die Leute dazu bewegt, wieder Tickets für dieses exorbitante Hotel zu reservieren. Wissen Sie eigentlich, was der Bau dieses Hotels gekostet hat?«

»Nein, aber ich ahne es.«

»Also, dann wissen Sie auch, dass wir eine Menge Leute ins All bringen müssen, um es zu einem kommerziellen Erfolg zu machen.«

Christopher nickte wissend. Die beiden Herren setzten sich an den Besprechungstisch einander gegenüber. Herr Bachmann gab Milch und Zucker in seinen Kaffee und rührte eine Weile. In Christophers Kopf arbeitete es unterdessen auf Hochtouren. Er hatte sich nun entschieden, den Auftrag anzunehmen. Aber würde er diesen Job ohne die notwendige Vorbereitung auch perfekt ausführen können? Er musste sich in dieser Hinsicht unbedingt absichern. Um sich nicht anmerken zu lassen, dass seine Entscheidung bereits gefallen war, hielt er es für angemessen, sich noch ein paar Minuten uninteressiert zu geben und sagte: »Selbst wenn ich den Auftrag annehmen würde, könnte ich Ihnen keine dafür Garantie geben, dass das Ganze ein kommerzieller Erfolg wird.«

Herr Bachmann winkte ab: »Eine Garantie werden wir sicher von niemandem bekommen. Aber einfach nur abwarten und hoffen, dass Hunderte wohlhabender Leuten ihr sauer verdientes Geld für eine noch immer waghalsige Unternehmung ausgeben, bei der eine unglückliche Verkettung von Umständen ihren sicheren Tod bedeuten könnte? Das wäre nicht nur leichtsinnig, sondern auch dumm!«

Christopher schluckte, sagte dann aber doch: »Da bin ich ganz Ihrer Meinung.«

»Und vor allem: Lassen Sie sich etwas einfallen, damit den Gästen nicht langweilig wird, bei einer ganzen Woche Schwerelosigkeit. Sie wissen ja, wie das ist, in unserer überreizten Welt – fünf Minuten Langeweile, und schon beschweren sich die Leute über die kleinste Unannehmlichkeit.«

»Nichts leichter als das.«

»Gut. Also, wenn Sie sich mit all dem anfreunden können, dann machen wir das jetzt amtlich«, entgegnete Herr Bachmann und legte die Verträge auf den Tisch.

Nachdem er unterschrieben hatte, hatte Christopher noch eine Frage: »Warum engagieren Sie mich so kurzfristig? Warum musste das jetzt alles so schnell gehen, bei einem derart wichtigen Projekt?«

»Sie werden alles erfahren, was Sie wissen müssen. Aber das gehört noch nicht dazu.«

 

Christopher Campbell verließ Herrn Bachmanns Büro augenscheinlich gelassen, aber mit einem inneren Hochgefühl. Eine Chance wie diese würde er bestimmt in seinem ganzen Leben nie wieder bekommen. Noch im Fahrstuhl machte er sich daran, Andrea Accetta, seinen alten Studienfreund, anzurufen, denn er sollte Teil seines neuen Projektes werden. Andrea hatte sich gerade gestern erst von seiner Band THE STEELY getrennt, was auch der Grund für das gestrige Besäufnis mit seinen engsten Freunden gewesen war. THE STEELY war seit Beginn der Zwanzigerjahre die erfolgreichste Rockband der Welt. Bryan, der Bruder von Andrea und zugleich das Oberhaupt der Gruppe, hätte es nie geduldet, dass eines der Bandmitglieder mehr im Vordergrund stünde als er selbst. Besonders bei seinem Bruder reagierte er auffallend empfindlich. Die Neuigkeit, dass Andrea sich nun endgültig dazu entschlossen hatte, sich von der Gruppe zu trennen und eine Solokarriere zu starten, ging bereits wie ein Lauffeuer um die Welt. Auf Christophers Flug von New York nach Berlin waren schon sämtliche Medien voll davon gewesen.

Andrea wäre sicherlich alles andere als abgeneigt, seine Solokarriere im Weltraum zu starten, dachte Christopher, und er selbst hätte damit bereits seinen ersten Triumph bei Johannes Bachmann und in den Medien. Er sah schon die Schlagzeile vor seinem inneren Auge: Sensation – Andrea Accetta startet seine Solokarriere im Weltraum.

Gesagt, getan. Andrea schlug noch am Telefon ein. Besser hätte es nicht laufen können, dachte sich Christopher. Jetzt brauchte er nur noch einen überzeugenden Slogan für einen kurzen, prägnanten Werbespot.

°°°

 

Als Cecylia am späten Mittwochvormittag in Peterhead in Schottland das Anwesen von Cayetana, ihrer besten Freundin, betrat, hatte sie immer noch keine schriftliche Einwilligung ihres Hausarztes. Doch wenn sie die Reise in den Weltraum wirklich antreten wollte, musste sie heute noch die Unterlagen per E-Mail versenden. Allerdings war sie sich nicht sicher, wovor sie sich mehr fürchtete: vor der Zustimmung des Arztes oder vor seiner Ablehnung.

Im Vorgarten standen die Knollenbegonien und die Dahlien immer noch im schönsten Blütenflor und zierten den Wegesrand in gerader Linie bis zur Eingangstür der kleinen Jugendstilvilla. Das restliche Grünzeug wucherte und rankte wild über Grundstücksmauern und Hauswände hinweg, was jedoch den Charme dieser Villa nur noch verstärkte.

Mit leichtfüßigem Schwung, und in der Gewissheit, dass sie nun gleich ihre beste Freundin in ihre Arme schließen würde, spazierte Cecylia auf die Eingangstür zu. Cayetanas Videoüberwachung hatte bereits Cecylias Ankunft angekündigt. So stand Cayetana schon seit einigen Minuten in der Tür und schaute zu, wie Cecylia den langen Sandweg entlanggelaufen kam. Dabei flatterten ihre langen, dunkelgrünen Hosenbeine und ihr silbern schillerndes Oberteil im Durchzug der offenen Eingangstür.

Als Cecylia leichten Schrittes auf Cayetana zuging, erinnerte sie sich, wie sie Cayetana vor sieben Jahren auf einer Buchmesse kennengelernt hatte, als sie gerade dabei war, ihr erstes Buch vorzustellen. Cecylia hatte die Begegnung mit dieser Frau wie ein Blitz getroffen, was, wie sich später herausstellte, auf Gegenseitigkeit beruhte.

Cayetana war zwar zweisprachig aufgewachsen, sie sprach Gälisch und Englisch, aber für die deutsche Sprache hatte sie wenig Sinn. Ihr zuliebe kramte Cecylia ihr Hochschulenglisch hervor und unterhielt sich mit ihr hauptsächlich auf Englisch. Nach vielen Jahren intensiver Freundschaft war es nun für Cecylia kein Problem mehr, sich, wenn auch mit deutschem Akzent, absolut fließend auf Englisch zu unterhalten.

Cayetana streckte ihrer Freundin erwartungsvoll die Arme entgegen und sagte: »Da bist du ja endlich!«

Sie drückten und herzten sich, dann trat Cecylia ein. »Ich bin immer wieder von neuem fasziniert, dass es in unserer heutigen Zeit noch solche unberührten Flecke wie diesen auf unserer Erde gibt«, sagte Cecylia, hängte ihr Jäckchen an einen mit kunstvoll verflochtenen Ranken und Blüten verzierten Kleiderständer und lief ihrer Freundin in das Esszimmer nach. Es roch nach frischen Brötchen und Kaffee. Auf dem Tisch standen zwei riesige, dreiarmige Kerzenständer mit handbemalten Blüten aus Porzellan. Im gesamten Haus wiederholten sich diese wogenden und schwingenden Ornamente, diese fließenden Linien, Kurven und Schnörkel, als wären sie ganz natürlich in dieses Haus hineingewachsen. Cecylia setzte sich, und Cayetana schenkte ihr Kaffee ein.

»Ich beneide dich um das Leben an diesem Ort!«, sagte Cecylia und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.

»Ja, hier ist es viel schöner als im Weltraum. Glaub mir!« Damit kam Cayetana direkt auf den Punkt.

»Wenn ich die medizinische Freigabe von meinem Arzt nicht bekomme, kann ich sowieso nicht fliegen«, entgegnete Cecylia.

»Hast du dir schon mal überlegt, dass es vielleicht besser so sein könnte?«

»Ja, natürlich. Wenn ich nur daran denke, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben, dann wird mir so schlecht … Aber wenn ich nicht mitfliege, dann …«

»Was sagen eigentlich deine Eltern dazu?«

»Mein Vater meinte nur, ich hätte ja schon immer gemacht, was ich wollte, und meine Mutter wurde ganz blass und ging nach nebenan, um zu beten. Als sie zurückkam, sagte sie, sie würde sonstwas darum geben, wenn sie mich bloß davon abhalten könnte.«

»Und dein Bruder?«

»Dennis? Du kennst ihn doch, er findet alles gut, was ich mache. Der würde am liebsten mitkommen. Aber das geht natürlich nicht.«

»Celly, Liebes, ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache!«, gab Cayetana zu bedenken.

»So schlimm kann es aber eigentlich nicht werden. Stell dir vor, es gibt sogar Gewinnspiele im Fernsehen, bei denen man Tickets für dieses Hotel gewinnen kann. Am Sonntagabend stand ein Mann kurz davor, zu gewinnen, und seine dicke Frau dachte darüber nach, ob man den Hund mitnehmen könnte.«

»Und? Kann sie?«

»Ich weiß es nicht. Henrik kam nach Hause, und ich habe den Fernseher ausgeschaltet. Ich hatte keine Kraft für weitere Debatten.«

Cayetana seufzte, und in ihren Augen bildete sich ein feuchter Schleier, der im Kerzenlicht glitzerte.

»Weißt du«, begann Cecylia in einem melancholischen Tonfall, »ich habe in den letzten beiden Tagen viel über mich nachgedacht. Mir ist aufgefallen, dass ich bei meinem ersten Buch auch nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Aber die Aussicht auf ein bisschen Erfolg hat mich am Leben gehalten, könnte man fast sagen. Die missglückte Männerbekanntschaft in besagtem Sommer, du weißt schon, und danach die Sorgen um Dennis, als er beinahe ertrunken wäre, hatten mich ganz schön mitgenommen, aber sie waren anscheinend das Rezept für meinen Erfolg als Autorin.«

»Ich weiß. Das Buch schlug ein wie eine Bombe«, bestätigte Cayetana.

Cecylia fuhr fort: »Als ich dann mit meinem zweiten Buch begonnen hatte, lernte ich Henrik kennen. All meine Gefühle, die ich zu dieser Zeit wegen Henrik durchlebt habe, habe ich in dieses Buch hineingearbeitet. Alles war wieder ganz leicht. Es kam einfach so aus mir raus. Und dass dann auch das zweite Buch bei den Lesern so einschlug, das hättest auch du dir nicht träumen lassen, oder?«

Cayetana schüttelte den Kopf. Cayetana hatte das Gefühl, das Stück Brot in ihrem Mund würde sie heute nicht mehr schlucken können, wenn sie jetzt nicht mit einem Schluck Kaffee nachhalf.

Cecylia erzählte inzwischen weiter: »Bei meinem dritten Buch fehlten mir all diese Elemente des Kummers und der Freude. Naja, du weißt ja, was für ein Flop es geworden ist. Seitdem hängt mir mein Verlag in den Ohren, ob ich nicht auch mal was Anderes schreiben könnte, außer immer diese Liebesromane.«

Cayetana hob neugierig eine Augenbraue: »Und? Glaubst du, du kannst?«

»Ich weiß es nicht, aber ich werde es müssen. Ich habe dem Verlag von dieser Reise erzählt, und sie wollen mir einen größeren Vorschuss zahlen! Ich muss nur noch unterschreiben.«

»Neeeiiin!?!«, schrie Cayetana, wie von der Tarantel gestochen.

»Doch!«, schrie Cecylia freudig zurück.

»Aaahhh, ja klasse!«, schrie nun Cayetana wieder. Doch dann wurde sie wieder ernst: »Und jetzt?«

»Jetzt werde ich wohl dort hinfliegen müssen … ob ich will oder nicht …«

Cayetana sackte auf ihrem Stuhl zusammen: »Ich habe Angst um dich.«

Cecylia war gerührt. Sie nahm Cayetanas Hand und sagte mit sanfter Stimme: »Ich habe auch Angst, aber ich muss es tun. Verstehst du das?«

Cayetana seufzte.

»Und außerdem ist da noch etwas anderes«, teilte Cecylia ihrer Freundin mit bedeutendem Blick mit. Cayetana horchte auf.

»Ich glaube, dass ich mit dieser Reise meiner Frage ein Stück näherkomme. Oder sagen wir: ich hoffe es.«

»Was meinst du?«

»Es ist die Frage, die du nicht leiden kannst.«

»O je. Warum soll dir ausgerechnet ein Flug in die Erdumlaufbahn diese Frage beantworten? Du fliegst doch nicht zum Mars oder in ein anderes Sonnensystem.«

»Aber ich fliege so weit, dass ich den Erdball von oben sehen kann.«

»Und das wird deine Frage beantworten?«

»Alle sagen, man verändert sich, wenn man die Welt einmal aus der Ferne gesehen hat.«

»Du musst dich nicht verändern, meine Liebe, du bist gut und richtig, so wie bist. Und wer das nicht sieht, der ist ein Dummkopf.«

»Das ist sehr aufmunternd von dir. Ich weiß das zu schätzen. Aber versteh doch bitte: Ich muss es tun.«

Cayetana sah sie mit großen, feuchten Augen an und sagte erst einmal überhaupt nichts mehr. Schließlich richtete sie ihre Schultern gerade und sagte: »Vermutlich hast du recht: Man muss sich seiner Angst stellen! Was sagtest du, wann wollte dir Doktor Scholz seinen Entschluss mitteilen?«

»Oh! Er muss ihn mir heute noch mitteilen.«

»Am besten, du rufst ihn jetzt gleich mal an. Wenn er nicht zustimmt, dann brauchst du dir um alles andere keine Sorgen mehr zu machen.«

Cecylia wollte gerade die Nummer in ihrem Armband suchen, doch Cayetana sagte: »Nicht so! Komm mal mit.«

Sie gingen einen langen Flur entlang. Am Ende gab es einen Raum, den Cecylia noch nie betreten hatte: »Was ist das«, fragte sie. Cayetana tat etwas geheimnisvoll: »Was glaubst du, wie ich meinen Kunsthandel betreibe? In diesem Geschäft muss man seinem Gegenüber in die Augen schauen können, andernfalls kauft dir keiner Gemälde für Hunderttausende ab.«

»Ich dachte, du fliegst immer zu deinen Kunden? Ich wusste gar nicht, dass deine Kunden zu dir kommen?«

»Sie kommen auch nicht zu mir. Das ist ein Video-Konferenzraum. Hier kannst du jedem, der auch so einen besitzt, nicht nur in die Augen schauen, sondern kannst auch die Körpersprache deines Gegenübers studieren. Seit diese Erfindung in Mode gekommen ist, kann ich mir die vielen Reisen sparen.«

Cecylia schaute sich erstaunt um. Cayetana hatte inzwischen also auch solch ein Hologramm, und das sogar noch in dreifacher Ausführung. Der Raum war vollkommen rund. Wobei: bei genauerem Hinsehen war die eine Hälfte des Raumes nicht kreisrund, sondern sechseckig. An den drei gleichgroßen Wänden spiegelte sich der zentrale Tisch, sodass man das Gefühl hatte, es wäre ein einziger, großer Konferenztisch in einen vollkommen runden Raum. Drei Polsterstühle waren wirklich vorhanden, und weitere drei standen virtuell auf den Spiegelseiten, vor denen jeweils ein Hologramm stand.

In der Mitte des Tisches gab es ein Display.

Die beiden Frauen setzten sich und Cayetana fragte: »Wie ist die Nummer?« Cecylia diktierte, und dreißig Sekunden später erschien Doktor Scholz holographisch in Originalgröße auf der anderen Seite des Tisches, als würde er leibhaftig dort sitzen. Cecylia hatte das Gefühl, wenn sie jetzt ihre Arme ausstreckte, dann könnte sie ihm die Hand schütteln.

»Ah, Frau Peters. Ich hatte Ihren Anruf schon früher erwartet. Wie ich sehe, haben Sie sich heute Verstärkung mitgebracht.«

»Das ist meine Freundin, Cayetana Dirac.«

»Oh, sind Sie nicht die Kunsthändlerin? Mein Vater hat doch einen Leistikow bei Ihnen gekauft, nicht?«

»Ja, ich erinnere mich. Das muss letztes Jahr gewesen sein.«

»Naja, wie dem auch sei, vielleicht können Sie Ihre Freundin ja wieder zur Vernunft bringen. Sie müssen wissen, Wissenschaftler rätseln immer noch, was während eines Raumfluges im Körper vor sich geht. Bisher steht nur eines fest: Raumfahrt ist ungesund. Fast jeden, der seither in der Schwerelosigkeit war, erwischt die Raumkrankheit. Fehlende vertraute Orientierungshilfen haben Schuld an stunden- bis tagelangen Schweißausbrüchen und Brechreiz. Die Knochen verlieren Kalzium, vor allen in den Beinen. Das Blutvolumen reduziert sich um etwa einen Liter, weil sich das Blut in der oberen Körperhälfte sammelt. Das Pumpvolumen des Herzens nimmt um vierzig Prozent zu, aber der Herzschlag verlangsamt sich. Die Anzahl der weißen Blutkörperchen nimmt ab, das Immunsystem wird geschwächt. Und das Schlimmste: Die kosmische Strahlung ist in 400 Kilometern Höhe hundert Mal so hoch wie auf der Erde.«

Erst jetzt schien er Luft zu holen, fuhr aber gleich fort: »Also, Frau Peters, um es kurz zu machen: Von mir aus bekommen Sie die medizinische Freigabe für 5 g. Ihre Reisegesellschaft behauptet, dass das ausreicht.«

Nochmals hielt er inne und strich sich mit dem Zeigefinger bedächtig über die Augenbrauen.

»Wie schon gesagt: dort hochzukommen ist einfach; aber wieder herunterzukommen ist weitaus gefährlicher. Sollte beim Wiedereintritt etwas schiefgehen und die Beschleunigung 6 g übersteigen, dann kann ich nur noch für Sie beten! Außerdem dürfen Sie jetzt hier unten nur noch halb so viel joggen. Warum, das habe ich Ihnen ja mehrfach erklärt. Quälen Sie lieber dort oben die Laufbänder, so viel Sie können. Ich schicke Ihnen das Attest gleich per Mail. Ich weiß ja, Sie haben es sehr eilig mit ihrem Schwebeurlaub. Haben Sie noch Fragen?«

Cecylia antwortete: »Nein danke, Herr Doktor.«

Und noch bevor sie es sich hätte anders überlegen können, verabschiedete er sich, und sein Bild löste sich auf.

Die sonst so sprachgewandte Cayetana bekam kein Wort aus ihrem Mund. Kreidebleich starrte sie Cecylia an. Sie versuchte zu schlucken, aber ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Trotzdem würgte sie ein paar Worte hervor: »Cecylia! Du kannst da auf keinen Fall mitfliegen! Wenn du nun nicht wieder lebend runterkommst?«

Doch darauf sagte Cecylia nur: »Ich komme zurück. Versprochen!«

 

°°°

 

Am nächsten Morgen lag Cecylia stundenlang wach. Ihre innere Uhr war vollkommen aus dem Takt geraten. Wegen Doktor Scholz’ Anweisung, nicht mehr so viel zu joggen, hatte Cecylia am Abend zuvor weder einschlafen noch in der Nacht gut durchschlafen können. Ihr fehlte die körperliche Erschöpfung, um richtig müde zu sein.

Seit zwei Stunden lag sie nun schon in ihrem Bett auf der Seite und schaute direkt aus den raumgroßen Fenstern. Der Himmel war tiefschwarz, aber die Berliner Straßen leuchteten, mit ihren Laternen und den fahrenden Autos. Weiter draußen blitzten Scheinwerfer auf und erloschen wieder.

Wilde Träume hatten in den letzten Nächten Cecylias Schlaf begleitet. Manchmal verwandelte sich der gesamte Weltraum in ein riesiges, schwarzes Ungeheuer, vor dem sie sich zu verstecken versuchte, und manchmal stürzte sie mit einem Raumgleiter in Richtung Erde, um kurz vor dem Aufprall wieder aufzuwachen.
Doch ihr letzter Traum war ganz anders. So anders, dass sie sich gern wieder dorthin zurückgestohlen hätte. Sie lag in ihrem Wohnzimmer auf der Couch, und ihr gegenüber saß ein fremder Mann, dessen Gesicht sie nicht erkennen konnte. Der Mann stand auf und ging zur Wohnzimmertür hinaus. Neugierig folgte sie ihm. Er huschte durch die Wohnungstür und rannte lautlos die Treppe hinunter. Sie rief ihm nach, er solle warten, doch als Antwort bekam sie nur ein Lachen, dessen Echo durch die vierzehn Stockwerke des Treppenhauses hallte. Sie versuchte ihn einzuholen. Immer schneller trugen ihre nackten Füße sie über die Stufen. Sie schaute an sich herab und stellte fest, dass sie nur ein seidenes Nachthemd trug. Wann sie es angezogen hatte, wusste sie nicht mehr. Der geschmeidige Stoff wehte im Wind und streichelte sanft ihre Haut. Sie rannte immer schneller, bis sie schließlich stolperte und fiel. Doch sie schlug nicht auf und empfand keinen Schmerz; sie spürte nur ein Kitzeln im Bauch, gefolgt von einem unendlichen Glücksgefühl. Sie spürte die Treppe unter ihren Fußsohlen nicht mehr, sondern nur einen warmen Luftzug. In diesem Moment begriff sie, dass sie fliegen konnte! Sie war überwältigt von diesem Gefühl und ließ es geschehen. Sie breitete die Arme aus und sauste abwärts durch das Treppenhaus. Sie sah den Ausgang und flog hindurch.

Plötzlich war der fremde Mann an ihrer Seite und flog mit ihr. Inzwischen war es ihr egal, wer er war. Sie wollte nur noch eins: fliegen!

Sie erhoben sich gemeinsam über die Häuser und sahen die Dächer ihres Wohnviertels. Sie flogen immer weiter und sahen die ganze von Straßenlaternen erleuchtete Stadt, dann den Stadtrand und die Felder und Wiesen drumherum, durch die sich die dezent beleuchteten Landstraßen schlängelten. Ihre Kleider flatterten in der warmen Nachtluft. Es war wie ein Rausch. Alle Probleme waren auf einmal vergessen. Stundenlang flogen sie unbeschwert durch die Lüfte, auf und nieder. Sie waren sich unerklärlich einig, fühlten sich regelrecht paradiesisch und wollten nie mehr landen, geschweige denn aufwachen.

 

Doch irgendwann konnte Cecylia nicht mehr in diesen Traum entfliehen, und all ihre Sorgen waren schlagartig wieder gegenwärtig.

Besonders die Worte ihres Hausarztes gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sollte sie sich wirklich Sorgen um ihre Gesundheit machen? Was, wenn Doktor Scholz recht behielt und sie nach der Rückkehr aus der Schwerelosigkeit bewusstlos werden würde? Eine wirklich bedrückende Vorstellung. Da dachte sie doch lieber an ihren Traum. Es hatte sich wahrlich betörend angefühlt, wie sie durch das Treppenhaus und schließlich über die Dächer von Berlin geflogen war. Ein unvergleichlicher Hochgenuss ! So frei und unbeschwert!

Ob es sich in diesem Weltraumhotel genauso anfühlen würde? Und ob sich all die Mühe lohnen würde, um ein weiteres gutes Buch zu schreiben?

Henrik lag neben ihr und schlief noch fest. Sie konnte seinen gleichmäßigen, leicht schniefenden Atem hören. Wie friedlich er wirkte, wenn er schlief.

Sie musste an ihre erste Begegnung denken, vor knapp drei Jahren. Sie war sechsundzwanzig und befand sich mitten in ihrer Ausbildung auf der e.t.i.-Schauspielschule in Berlin.

Das Herz schlug ihr damals bis zum Hals, als Henrik sich leise in den Proberaum schlich, den Spiegel entlang bis zum Lehrer, neben dem Cecylia auf ihren Einsatz wartete. Er sah über die Schultern des Lehrers hinweg zu Cecylia hinüber und lächelte sie mit blitzenden, blauen Augen an.

Sie und ein paar ihrer Studienkollegen sollten gerade eine Szene improvisieren, für die es kein Drehbuch gab. Als Cecylia mit ihrem Einsatz fertig war, war er wieder verschwunden. Aber am selben Abend erschien er in dem Lokal, in dem Cecylia und ihre Studienkollegen sich regelmäßig trafen. Er hielt seine rechte Hand im Nacken, was ihn zwar sehr nervös, aber zugleich unglaublich charmant wirken ließ. Dann nahm er die Hand herunter und fragte: »Darf ich dich auf einen Drink einladen?«

»Wenn du weißt, was ich gern trinke«, entgegnete sie aufgeregt und versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Er wusste es.

Cecylia erfuhr damals, dass er einunddreißig Jahre alt war, Medienwissenschaften und Informatik studiert hatte und in der Firma seines Vaters angestellt war, in der größten Werbeagentur der Welt; eine Tatsache, die Cecylia damals wie heute mächtig imponierte. Wenn sie es nicht besser wüsste, sie könnte es nicht glauben, dass dieser Mann sein Verhalten in den letzten Monaten um hundertachtzig Grad geändert hatte.

In etwa zwei Stunden würde er aufstehen, gemütlich mit seinem Internet zusammen in der Küche frühstücken und dann in die Agentur fahren. Cecylia überlegte, ob er sich wohl vorher noch nach ihrem Arztbesuch erkundigen würde. Eines stand inzwischen fest: Henrik war definitiv nicht der Mann, der in ihrem Traum aufgetaucht war. Aber warum nicht? Und: Wer war es dann?

 

Wer auch immer es gewesen sein mochte, es musste ein Zeichen sein, dass sich etwas änderte. Henrik hatte sich zu einem Eisschrank entwickelt, führte sie sich vor Augen. Er konnte so gut aussehen, wie er wollte, aber sein Verhalten konnte sie nicht länger ertragen. Sie war es leid, sich von ihm ständig als sentimentale Schnulzenschreiberin bezeichnen zu lassen. Und das, obwohl sie ihr Geld damit verdiente! Immerhin glaubte ein ganzer Verlag an ihre Fähigkeiten als Schriftstellerin, andernfalls hätte sie gestern niemals diesen horrenden Vorschuss bekommen, nachdem sie den Vertrag unterschrieben hatte.

Außerdem plante er seit einem Jahr einen Aufenthalt im Weltraum und hatte ihr gegenüber die ganze Zeit geschwiegen. Wie nah waren sie sich überhaupt noch, wenn er ihr derart weitreichende Überlegungen vorenthielt? Schließlich ging es nicht einfach nur um einen Besuch bei einem Freund in der nächsten Großstadt. Nein, er wollte den Planeten gleich ganz verlassen, wie er es selbst formulierte! Cayetana hatte recht: es musste sich wirklich etwas ändern. Cecylia musste Henrik endlich zur Rede stellen.

Sie stieg aus dem Bett, zog sich an und ging nach draußen. Diesmal nur, um zu spazieren. Draußen konnte sie die Hektik des Berufsverkehrs spüren. Sirenen von Krankenwagen und Feuerwehr wechselten sich ab und gaben ihr Echo von den Häuserwänden zurück.

Auf dem Rückweg schaute sie in der Garage vorbei. Sie wollte sichergehen, dass mit seinem neuen Sportwagen alles in Ordnung war. Andernfalls würde es noch schwerer sein, heute mit ihm ein konstruktives Gespräch über ihre Beziehung zu beginnen.

Ein schlechtes Gefühl überkam sie, als sie die Seitentür der Garage öffnete. Schon das Geräusch der schweren, sich öffnenden Sicherheitstür verriet nichts Gutes, und der Klang ihrer Schritte hallte viel zu laut von den Wänden wider. Die Garage war nicht besonders groß, Henrik hatte sie im Nachbarhaus angemietet, um seinen Wagen nicht in der großen Tiefgarage des Penthouses parken zu müssen.

Als Cecylia um die Ecke bog, sah sie das Problem. Da stand nur ihr eigener Wagen. Seiner fehlte. Wie konnte das sein? Henrik war doch eben noch neben ihr im Bett gelegen? Oder war er in der Zwischenzeit, während sie durch die Berliner Straßen spaziert war, schon zur Arbeit gefahren? Frühes Aufstehen war für Henrik eher ungewöhnlich. Was war passiert?

 

Als sie zurückkam, war Henrik immer noch im Badezimmer. Der Duft seines Duschgels lag in der Luft, und ein fröhliches Pfeifen war zu hören. Dem Pfeifen nach zu urteilen konnte nichts Schlimmes passiert sein. Vermutlich hatte er den Wagen am Vortag nur in die Werkstatt gebracht, was öfters vorkam. Denn die Werkstatt war nicht nur für Reparaturen zuständig, Henrik überließ ihr auch die komplette Fahrzeugpflege.

Cecylia deckte den Tisch und ging in das andere Badezimmer zum Duschen. Bald schon hatte sie seinen Wagen wieder völlig vergessen.

Nach einer Weile kam sie mit tropfnassen Haaren in die Küche und sah ihn dort sitzen. Er saß am Frühstückstisch, trank seinen Kaffee und surfte im Internet. Cecylias Herz klopfte bei seinem Anblick. Er war nach wie vor der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war, stellte sie zum wiederholten Male fest. Nur nützte ihr das im Moment leider recht wenig.

Sie ließ sich vom Automaten einen Kaffee bereiten und setzte sich ihm gegenüber, ohne ein Wort zu sagen. Abwesend murmelte er ein »Morgen«, doch Cecylia schwieg.

Sie schnitt ihr Vollkornbrötchen in zwei Teile und belegte es mit Käse. Dann nippte sie Schlückchen für Schlückchen an ihrem noch heißen Kaffee und beobachtete ihn. Er konnte im Internet surfen und dabei essen, alles gleichzeitig, ohne auch nur einen einzigen Krümel fallen zu lassen.

Nach einer Weile blickte er kurz von seinem Hologramm auf und fragte eher beiläufig: »Was ist? Heute keinen Hunger nach dem Joggen?«

»Hm«, entgegnete Cecylia und lächelte ein wenig.

In diesem Moment erschien die holografische Darstellung der Challenger-Katastrophe von 1986 über dem Küchentisch. Die Rakete raste in Richtung Deckenlampe und explodierte. Die Glut des sich ausbreitenden Feuerwerks schien in Cecylias Kaffeetasse einzutauchen. Nur das Zischen fehlte.

Cecylia schluckte. Sie fragte sich, ob er das mit Absicht tat. Er war zwar noch nie der Sensibelste gewesen, aber musste er ihr genau jetzt die Challenger-Katastrophe zeigen, bei der sieben Menschen ihr Leben gelassen hatten?

Doch dann sagte sie sich, dass sie das jetzt auch nicht mehr ändern konnte. Außerdem hatte sich diese Katastrophe zu einer Zeit ereignet, in der die Raumfahrttechnik noch ganz am Anfang gestanden hatte. Inzwischen waren über dreißig Jahre vergangen. Raumgleiter aller Art verließen heutzutage ganz routinemäßig die Erde und landeten wieder sicher auf den Raketenflughäfen.

Also stand ihr Entschluss fest: Sie würde auf jeden Fall mitfliegen! Jetzt galt es nur noch, herauszufinden, warum er sich so seltsam verhielt.

Da fiel ihr der Wagen wieder ein. Sollte sie ihn nun doch einmal nach dem Verbleib fragen, damit er wieder umgänglicher wurde?

In diesem Moment verschwand das Challenger-Gebilde, und sie konnte wieder sein Gesicht sehen.

»Und? Was sagt Doktor Scholz?«, fragte er unvermittelt und zudem noch recht gut gelaunt.

Cecylia blickte ihn erstaunt an.

»Ich kann fliegen«, antwortete sie und bemühte sich, gelassen zu wirken.

»Dann hast du ihm wohl nicht von deiner Flugangst erzählt?«, erwiderte er in leicht spöttischem Tonfall.

Cecylia sog die Luft ein und atmete tief durch: »Ich habe keine Flugangst, das weißt du. Was bezweckst du eigentlich damit?«

Henrik schaute auf seinen Teller und schien nach Krümeln zu suchen, die er hätte ordentlich zusammenschieben können. Doch es waren keine da.

Cecylia fragte erneut: »Seit ich dieses Casting vermasselt habe, bist du so anders zu mir. Warum?«

Henrik schüttelte zuerst seinen Kopf, dann drehte er ihn zur Seite. Er setzte an, um etwas zu sagen, doch dann stockte er wieder. Es wirkte, als würde er sich ernsthaft um eine wohlüberlegte Antwort bemühen. Cecylia wartete.

Schließlich sagte er in einem beinahe vorwurfsvollen Tonfall: »Du hättest diese Reise in den Weltraum von Ricardo finanziert bekommen. So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben. Aber du hast sie ungenutzt verstreichen lassen.«

»Das sagst du mir nun schon zum wiederholten Mal. Bist du deshalb so sauer auf mich?« Cecylia war betroffen.

In seinem Blick lag nun sogar ein feuchter Schimmer. »Du hättest dabei vermutlich mehr verdient als mit zehn deiner besten Bücher. Das ist dir hoffentlich bewusst?«

Die Sache schien ihn wirklich sehr zu belasten, folgerte Cecylia.

»Aber für mich war Geld noch nie das Wichtigste, das weißt du doch«, erwiderte sie aufrichtig.

»Und warum hast du dir dann ein Attest vom Arzt ausstellen lassen, wenn du gar kein Geld hast, um mitzufliegen?«

»Wer sagt denn, dass ich nicht mitfliege?«, fragte Cecylia zurück.

Henrik wirkte verblüfft: »Wie? Du willst mitfliegen? Du weißt, was diese Reise kostet! Die Firma meines Vaters hat nur eine Person eingeplant, und zwar mich.«

»Du würdest wirklich ohne mich fliegen?«, setzte Cecylia dagegen. Sie stellte sich bereits innerlich darauf ein, dass ihr die Antwort womöglich nicht gefallen könnte.

Henrik streckte seine rechte Hand über den Küchentisch und wickelte sich eine von Cecylias feuchten Locken um den Zeigefinger.

»Natürlich wäre es schöner, wenn du mitkommen könntest«, sagte er. »Aber soll ich mir diese einmalige Gelegenheit wirklich entgehen lassen?«

Da hatte sie ihre Antwort! Cecylia machte sich Vorwürfe. Natürlich würde er ohne sie fliegen! Sie war schockiert. Sie hatte es ja unbedingt darauf ankommen lassen müssen und ihn in diese Zwickmühle getrieben. Hätte sie ihm doch einfach gesagt, dass sie auch fliegen und einen Vorschuss bekommen wird. Wie hatte sie nur so naiv sein und glauben können, er hätte ihretwegen verzichtet?

Aber wie stand es mit ihr? Wären die Rollen umgekehrt, wäre sie dann ohne ihn geflogen? Sie gestand sich ein, dass sie verzichtet hätte, und vermutlich wäre genau das falsch gewesen.

»Sag mir, soll ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen?«, hakte Henrik noch einmal nach. Seine Frage wirkte plötzlich so arglos.

Cecylia atmete tief. »Nein, das musst du nicht. Aber du hättest es mir viel früher sagen müssen. Es hat mich verletzt, dass du so wichtige Dinge nicht mit mir besprichst.«

Henrik senkte den Blick erneut. Um seinen Finger hatte er noch immer Cecylias nasses Haar gewickelt, dessen Spitzen er hin und her bog. Dann verzog er sein Gesicht zu einem charmanten Ausdruck und sagte: »Es tut mir leid. Ricardo hatte von mir verlangt, es geheim zu halten. Er wollte unbedingt der Erste sein, der im Weltraum einen Film dreht. Er hatte Angst, es könnte ihm jemand zuvor kommen, wenn es durchsickert.«

Cecylia schloss die Augen und atmete tief. Es tat einfach nur gut, dass er sich dafür entschuldigte. Trotzdem hätte er es ihr sagen können. Sie war schließlich nicht irgendjemand.

»Ich verstehe Ricardos Einwände, aber ich finde auch, dass du mir viel mehr vertrauen könntest. Oder glaubst du, ich wäre damit hausieren gegangen?«

Henrik ließ Cecylias nasse Haarsträhne los und massierte seinen Nacken. Dabei murmelte er fast unverständlich: »Vermutlich nicht. Es tut mir leid.«

Mit der Hand im Nacken sah er auf einmal so verletzlich aus. Er war noch da, dachte Cecylia, der Mann, in den sie sich vor drei Jahren verliebt hatte. Ihr Herz tat einen Sprung.

Henrik nahm ihre Hand und zog daran, sodass sie unweigerlich aufstehen und um den Küchentisch herumlaufen musste. Er drückte sie zu sich auf den Schoß und schlang seine Arme um sie.

In diesem Moment fiel ihr ein, dass sie ihm auch noch etwas mitzuteilen hatte: »Übrigens, du musst gar nicht allein fliegen.«

Henrik horchte auf.

»Ich werde mitkommen.«

»Und wie machst du das?«, fragte Henrik erstaunt. Er lehnte sich zurück, um sie besser anschauen zu können.

»Mein Verlag verlangt von mir ein neues Buch, und dafür haben sie mir einen Vorschuss gegeben.«

Henrik blieb der Mund offenstehen, doch Cecylia strahlte ihn triumphierend an.

»Was ist eigentlich mit deinem Wagen? Er war heute Morgen nicht in der Garage.«

Henrik, scheinbar überfordert von dem rasanten Themenwechsel, überlegte kurz, bevor er antwortete: »Stell dir vor, ich hatte gestern den offenen Wagen direkt vorm Eingang der Firma geparkt, da saß doch tatsächlich so ein Vogel auf dem Baum. Er hat komplett die Polster erwischt mit seinem … du weißt schon.«

Cecylia wischte ihm zärtlich über die Stirn. »Ach, du hast aber auch ein Pech mit deinem Auto.«

»Hm. Aber scheinbar nicht mit dir«, murmelte er und fuhr sanft mit seiner Hand unter ihren Bademantel, während er sein Gesicht in ihrem Hals vergrub. Sie ließ es geschehen. Wie sehr hatte sie sich doch solch einen Moment herbeigesehnt. Sie schloss die Augen, küsste ihn auf seinen Kopf und atmete sein unverwechselbar gut riechendes Haargel ein. Unterdessen strich er sanft über ihren Po und hob sie schließlich an, um sie rittlings auf seinen Schoß zu setzen. Dadurch spürte sie nun die Härte durch seine Hose hindurch, die wohlig gegen ihren Schoß drückte. »Wir werden schweben«, hauchte er. »Baby, wir werden schwerelosen Sex haben.«

Eine warme Welle durchströmte sie und sie begann ihre Hüften in kreisenden Bewegungen auf und ab zu bewegen.

Ungeduldig öffnete er seine Hose, worauf sie mit ihren energischen Fingern seine Erektion ertastete.

Sein inzwischen heißer Atem strich ihr sanft über den Hals und verursachte ein wohliges Kribbeln auf ihrer Haut. Sie hielt seine Wangen in beiden Händen und wollte ihn küssen, doch er drückte seinen Kopf zur Seite und küsste ihre Schulter. Irritiert hielt Cecylia inne, doch dann spürte sie, wie er eilig in sie eindrang. Sie empfand es zwar etwas zu früh, ließ sich jedoch von diesem berauschenden Gefühl einfangen und gleichzeitig von ihren Gedanken in das Weltraumhotel entführen. Mit geschlossenen Augen hob sie ihren Körper im Takt mit seinem auf und ab und träumte dabei von Sex in der Schwerelosigkeit mit ihm. Völlig berauscht von dieser Vorstellung verschmolz sie mit seinem Körper und stieß immer heftigere Töne aus.

»Schwerelos, Baby, schwerelos«, ächzte er und steigerte dabei das Tempo. »Schwere-los. Baby, schwere-los«, presst er zwischen den einzelnen Stößen hervor. Cecylias Körper bäumte sich auf, und als sie kam, rief sie laut: »Ja, ja! Schwere-los!«

 

Ende der Leseprobe

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